Vielfalt und Ausgewogenheit gelten als wichtige Kriterien für Medienqualität – gerade beim öffentlichen-rechtlichen Rundfunk. Nicht nur Politik und Publikum fordern diese Perspektivenvielfalt, auch die ARD hat sich in Qualitäts- und Programmrichtlinien diesem Selbstverständnis verschrieben. Doch der Interpretationsspielraum ist groß. Der Bayerische Rundfunk hat für die ARD bei renommierten Kommunikationswissenschaftlern der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz und der LMU München ein Gutachten in Auftrag gegeben, das umfassende wissenschaftliche Grundlagen dafür liefert, wie Vielfalt und Ausgewogenheit in journalistischen Informationsangeboten definiert und für das redaktionelle Qualitätsmanagement systematisch beobachtet und praktisch gesichert werden können. Der Bayerische Rundfunk wird die Ableitungen des Gutachtens, das von Prof. Dr. Birgit Stark, Prof. Dr. Marcus Maurer, Dr. Daniel Stegmann und Prof. Dr. Carsten Reinemann verfasst wurde, für die Weiterentwicklung der in den BR-Unternehmenszielen festgeschriebenen Vielfaltssicherung seiner journalistischen Angebote nutzen.
Das Forscherteam der Universitäten Mainz und München: „Die Debatte über Vielfalt und Ausgewogenheit wird oft pauschal und interessengeleitet geführt. Mit unserem Gutachten geben wir einen konstruktiven Impuls aus der Wissenschaft für die Medienpraxis: Denn darin zeigen wir auf, wie sich die Anforderungen an die Medien wissenschaftlich fundiert beschreiben, überprüfen und praktisch umsetzen lassen – ohne journalistische Realität und unterschiedliche Formate aus dem Blick zu verlieren.“
Florian Hager, ARD-Vorsitzender: „Das Gutachten der Unis Mainz und München im Auftrag des BR legt die wissenschaftliche Grundlage für eine sachliche und fundierte Diskussion über Vielfalt und Ausgewogenheit. Die ARD liefert damit proaktiv einen Beitrag, um die Anforderungen aus dem neuen Medienstaatsvertrag zeitnah umzusetzen. Wir freuen uns, dass führende kommunikationswissenschaftliche Fachexperten diese Grundlagenarbeit geleistet haben.“
Dr. Katja Wildermuth, BR-Intendantin: „Sachliche Analysen statt subjektiver Behauptungen – gerade in Zeiten, in denen jeder auf seine eigenen Wahrheiten pocht, brauchen wir differenzierte und unvoreingenommene Diskussionsgrundlagen. Das Gutachten bietet dafür das Handwerkszeug, transparent und nachvollziehbar, zur Überprüfung öffentlicher Debatten ebenso wie im redaktionellen Alltag.“
Kernaussagen des Gutachtens
1. Vielfalt und Ausgewogenheit sind wissenschaftlich operationalisierbar, erfordern jedoch differenzierte Betrachtung
Das Gutachten schafft einen ebenso klaren wie allgemeinverständlichen begrifflichen und methodischen Rahmen für eine Debatte, die in der Öffentlichkeit und in der Fachwelt bislang häufig unscharf geführt wurde. Die Wissenschaftler unterscheiden dabei präzise zwischen „Vielfalt“ und „Ausgewogenheit“: Vielfalt beschreibt die Breite von Themen, Akteuren und Meinungen in der Berichterstattung. Ausgewogenheit meint deren angemessene beziehungsweise realitätsgerechte Verteilung. Damit liefert das Gutachten eine zentrale Grundlage für die praktische Umsetzung der neuen Anforderungen des Reformstaatsvertrags wie auch für die gezielte Fortentwicklung des redaktionellen Qualitätsmanagements. Besonders relevant: Das häufig, aber inhaltlich meist vage verwendete Schlagwort „Perspektivenvielfalt“ wird systematisch in konkrete Prüfdimensionen übersetzt. Zugleich betonen die Autoren, dass Vielfalt nicht schematisch bewertet werden könne. Entscheidend seien journalistisches Format, Themenlage und Kontext – etwa bei Krisensituationen oder meinungsstarken Formaten. Zur Einschätzung von Befunden können verschiedene, im Gutachten beschriebene Vergleichsgrößen herangezogen werden.
2. Die Forschungslage widerspricht pauschalen Vorwürfen gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk
Für das Gutachten wurden 49 inhaltsanalytische Studien aus den Jahren 2020 bis 2025 ausgewertet. Der systematische Literaturüberblick kommt zu einem klaren Ergebnis: Insgesamt weisen deutsche Nachrichtenmedien und insbesondere öffentlich-rechtliche Angebote ein hohes Maß an Themen- und Akteursvielfalt auf. Pauschale Vorwürfe einer grundsätzlich einseitigen Berichterstattung seien auf Basis der aktuellen Forschung nicht haltbar. Gleichzeitig identifiziert das Gutachten konkrete Felder, in denen in der gesamten Medienlandschaft Verbesserungen möglich sind – etwa bei der Repräsentanz gesellschaftlicher Gruppen oder einzelnen Aspekten der Meinungsvielfalt. Die Autoren machen zudem deutlich, dass das Forschungsfeld bislang stark fragmentiert ist. Einheitliche Standards zur Messung von Vielfalt und Ausgewogenheit fehlen bisher weitgehend. Gerade deshalb hat das Gutachten für die künftige Medienaufsicht und Qualitätsdebatte besondere Bedeutung.
3. Das Gutachten liefert konkrete Handlungsableitungen für Redaktionen und Qualitätsmanagement
Neben der wissenschaftlichen Einordnung enthält die Studie Handlungsempfehlungen für den journalistischen Alltag mit hoher Anwendungsrelevanz. Empfohlen wird unter anderem ein kontinuierliches Monitoring von Themen-, Akteurs- und Meinungsvielfalt. Darüber hinaus schlagen die Wissenschaftler praktische Instrumente für den Redaktionsalltag vor: Vielfalts-Checks in Konferenzen, Aus- und Fortbildungsangebote, interne Vergleichssysteme sowie Werkzeuge, die Redaktionen bei einer vielfaltssensiblen Berichterstattung unterstützen. Das Gutachten versteht Vielfaltssicherung damit ausdrücklich nicht als abstrakte Debatte, sondern als Bestandteil moderner journalistischer Qualitätsarbeit.
Das Gutachten wird bis zum Herbst des Jahres auch als Publikation erscheinen. Zudem plant der BR / die ARD gemeinsam mit den Universitäten Mainz und München ein wissenschaftliches Symposium und eine Diskussion rund um die Medientage München im Oktober 2026.
Das Gutachten „Vielfalt und Ausgewogenheit als Maßstab von Medienqualität“ von Prof. Dr. Birgit Stark, Prof. Dr. Marcus Maurer, Dr. Daniel Stegmann (alle Institut für Publizistik der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) und Prof. Dr. Carsten Reinemann (Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München) ist hier (https://openscience.ub.uni-mainz.de/handle/20.500.12030/15139) abrufbar.
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