Dieter Glawischnig ist tot. Der langjährige Chefdirigent der NDR Bigband verstarb am 1. Oktober im Alter von 88 Jahren. Mehr als ein Vierteljahrhundert prägte er die Musikerinnen und Musiker der NDR Bigband und führte das Ensemble gemeinsam mit NDR Redakteur Wolfgang Kunert in die Jazz-Moderne. Mit seiner diplomatischen Beharrlichkeit, seiner musikalischen Vielseitigkeit und seinem unverwechselbaren Humor erreichte Glawischnig Generationen von Studierenden und begeisterte Publikum und Künstlerinnen und Künstler gleichermaßen.
NDR Intendant Hendrik Lünenborg: „Mit seiner charismatischen Persönlichkeit und seiner musikalischen Offenheit hat Dieter Glawischnig die NDR Bigband nachhaltig geprägt. Er verband höchste künstlerische Ansprüche mit einer großen Menschlichkeit und einem feinen Sinn für Humor. Unter seiner Leitung wurde die NDR Bigband zu einem der führenden Jazz-Ensembles Europas. Die Musikwelt und wir als NDR verlieren einen außergewöhnlichen Musiker, Lehrer und Wegbereiter, dessen wacher Geist und dessen Haltung uns fehlen werden. Sein Vermächtnis werden wir in Ehren halten.“
Dieter Glawischnig wurde am 7. März 1938 in Graz geboren. Er studierte Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte und erlangte Diplome als Pianist und Dirigent. 1965 gründete er in Graz das erste Jazz-Institut Europas mit und leitete dessen Jazzabteilung. 1970 ging er für ein Freisemester an die „Berklee School of Music“ nach Boston, wo er den Arrangier-Kurs von Herb Pomeroy besuchte, den er später als seinen „einzigen Lehrmeister“ bezeichnete.
1973 lud NDR Redakteur Wolfgang Kunert Glawischnig erstmals nach Hamburg ein. 1980 übernahm er den Posten als Chefdirigent der NDR Bigband. Gemeinsam mit Kunert öffnete er das Repertoire, besetzte freiwerdende Stellen mit herausragenden Solisten und führte das Ensemble in die Jazz-Moderne. Unter seiner Leitung arbeitete die NDR Bigband mit Größen wie Joe Pass, Chet Baker, Al Jarreau, McCoy Tyner und Abdullah Ibrahim und feierte internationale Erfolge in Peking, Shanghai, Mexiko-Stadt, Chicago und New York.
Parallel zu seiner Arbeit im NDR baute Glawischnig ab 1982 an der Hamburger Hochschule für Musik und Theater den Fachbereich Jazz auf. Sein „Zwei-Säulen-Modell“ verband Jazz mit klassischer Ästhetik und ermöglichte auch Klassikstudierenden, Improvisation zu erlernen. Viele seiner Schülerinnen und Schüler wurden prägende Stimmen der deutschen Jazzszene.
Als Pianist und Komponist verband Glawischnig in seinen Formationen „Neighbours“ und „Cercle“ Struktur mit Freiheit. Eine besondere Bedeutung hatten für ihn auch die Verbindungen von Jazz und Literatur. Für die NDR Bigband vertonte er unter anderem Texte von Ernst Jandl. Seine Komposition „Als die Synagogen brannten“ erinnerte an die Novemberprogrome 1938. Für Glawischnig sollte Musik gesellschaftliche Bedeutung haben und zum Nachdenken anregen.
2003 wurde Dieter Glawischnig emeritiert, 2008 nahm er Abschied von der NDR Bigband. Er zog mit seiner Frau Tamara zurück nach Graz und machte weiter das, was er immer tat – nur mit mehr Zeit: spielen und lesen. Er wird fehlen – als Musiker, Lehrer und Mensch.
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