Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Der Unternehmer hinter dem Kühne-Imperium hinterlässt keine Kinder – seine Nachfolge hatte er jedoch schon lange vorher geregelt. Der Großteil seiner Besitztümer liegt in der gemeinnützigen Kühne-Stiftung, die künftig eine zentrale Rolle bei der Kontrolle seines Firmenvermögens spielen soll.
„Eine gute Unternehmensnachfolge beginnt nicht mit der Frage, welches Kind die Firma übernimmt. Unternehmer müssen viel früher klären, wie Vermögen, Kontrolle und Unternehmenswerte auch ohne einen klassischen Familiennachfolger langfristig erhalten bleiben können“, sagt Sascha Drache. Nachfolgend erklärt er, was Mittelständler vom Fall Kühne lernen können, welche Möglichkeiten Unternehmer ohne geeignete Nachfolger haben und warum Stiftungs- und Holdingstrukturen eine Alternative zum klassischen Vererben oder Verkaufen sein können.
Nachfolge beginnt lange vor dem Erbfall
Der Fall Kühne zeigt nach Ansicht des Stiftungsberaters vor allem eines: Eigentum, Führung und Nachfolge sind drei unterschiedliche Themen – und sollten auch getrennt betrachtet werden. Viele Unternehmer reduzieren hingegen alles auf eine einzige Frage: Wer übernimmt das Unternehmen? Dabei ist viel wichtiger, zunächst festzulegen, was langfristig mit dem Unternehmen geschehen soll. Soll es dauerhaft bestehen? Darf es verkauft werden? Wer kontrolliert künftig das Management? Erst wenn diese Grundsatzfragen beantwortet sind, lässt sich sinnvoll über Personen und Funktionen entscheiden.
Kühne hat genau diesen Weg gewählt. Die operative Führung seines Firmenverbunds wurde bereits zu Lebzeiten professionalisiert, während die Stiftung als dauerhafte Eigentümerstruktur aufgebaut wurde. Dadurch wird verhindert, dass erst der Todesfall grundlegende Entscheidungen auslöst. „Der Tod des Unternehmers soll keinen neuen Entscheidungsprozess auslösen. Die wesentlichen Entscheidungen sollen vorher getroffen worden sein“, betont Drache.
Kinder sind keine Nachfolgestrukturen
Dass Kühne keine Kinder hatte, hält Drache dagegen für einen Nebenaspekt. Kinderlosigkeit zwingt Unternehmer lediglich dazu, sich früher mit der Nachfolge auseinanderzusetzen. Wer Kinder hat, neigt häufig sogar dazu, schwierige Entscheidungen aufzuschieben. Doch die Annahme, die eigenen Kinder würden das Unternehmen später automatisch übernehmen, ist oft eher Hoffnung als Strategie. Familie allein ersetzt demnach keine funktionierende Nachfolgestruktur.
Ebenso wichtig wie die Eigentumsfrage ist für Drache die Professionalisierung der Unternehmensführung. Stiftungen, Holdings oder Gesellschaftsverträge können Eigentum organisieren – führen können sie ein Unternehmen jedoch nicht. Deshalb sollten Geschäftsführung, Kontrollgremien und Entscheidungsprozesse bereits funktionieren, solange der Unternehmer selbst noch aktiv sei. Nur dann lässt sich überprüfen, ob die Strukturen auch ohne den Gründer tragfähig sind. „Eine Stiftung ersetzt keinen Unternehmer. Sie ersetzt höchstens den Eigentümer“, sagt Drache.
Stiftung, Verkauf oder Familiennachfolge?
Welche Lösung für die Nachfolge geeignet ist, hängt vom Einzelfall ab. Ein Verkauf kann ebenso sinnvoll sein wie eine familieninterne Übergabe oder ein Management-Buy-out. Auch Mitarbeiterbeteiligungen kommen infrage. Eine Stiftung ist lediglich eine weitere Möglichkeit – allerdings mit einem anderen Ziel. Während Vererben die Frage beantwortet, wer das Vermögen erhält, und ein Verkauf den wirtschaftlichen Erlös in den Mittelpunkt stellt, geht es bei einer Stiftung darum, dauerhaft festzulegen, was mit dem Vermögen geschehen soll.
Besonders interessant wird dieses Modell nach Ansicht des Experten, wenn Unternehmensanteile über Generationen zusammengehalten werden sollen. Ohne klare Struktur kann sich der Gesellschafterkreis mit jeder Generation vergrößern. Irgendwann stehen zahlreiche Familienmitglieder mit völlig unterschiedlichen Interessen einem Unternehmen gegenüber. Eine Stiftung kann helfen, Eigentum dauerhaft zu bündeln und Unternehmenswerte über Generationen zu sichern – vorausgesetzt, die zugrunde liegenden Entscheidungen sind vorher getroffen worden.
Erst das Ziel festlegen, dann die Rechtsform wählen
Dabei warnt Drache ausdrücklich davor, Stiftungen vor allem unter steuerlichen Gesichtspunkten zu betrachten. Ob gemeinnützige Stiftung, Familienstiftung oder Doppelstiftung – jede Variante verfolgt unterschiedliche Ziele und unterliegt eigenen rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen. Entscheidend ist deshalb nicht die Rechtsform, sondern das Problem, das gelöst werden soll. Wer eine Stiftung allein gründet, um Steuern zu sparen, wählt häufig den falschen Ansatz.
Das Unternehmen muss auch ohne den Gründer funktionieren
Zu den häufigsten Fehlern in der Nachfolgeplanung zählt dabei nach Drache, dass Unternehmer bereits mit einer vermeintlich fertigen Lösung in die Beratung kommen. Oft wird zuerst über eine Stiftung nachgedacht, bevor überhaupt Klarheit über Ziele, Familienstruktur oder Governance besteht. „Eine Stiftung erzeugt keine Klarheit. Sie konserviert Klarheit, die vorher geschaffen werden muss“, sagt er. Ebenso problematisch sind Satzungen, die entweder zu starr oder zu unbestimmt formuliert sind, sowie Strukturen, in denen trotz Stiftung weiterhin alles an einer einzigen Person hängt.
Sein Fazit lautet deshalb: Unternehmer sollten sich nicht zuerst fragen, ob sie eine Stiftung benötigen. Entscheidend ist vielmehr, wie ihr Unternehmen funktionieren soll, wenn sie selbst morgen für mehrere Monate ausfallen oder dauerhaft nicht mehr entscheiden können. Erst wenn diese Fragen beantwortet sind, lässt sich beurteilen, ob eine Stiftung, eine Holding oder eine andere Nachfolgelösung der richtige Weg ist. „Die Stiftung sollte deshalb nicht der Ausgangspunkt einer Nachfolgeplanung sein. Sie kann ihr Ergebnis sein“, fasst Drache zusammen.
Über Sascha Drache:
Sascha Drache ist Experte für das Stiftungswesen. Er ist seit vielen Jahren in der deutschen Stiftungswelt unterwegs und gilt gemeinhin als der deutsche Stiftungspapst. Mit seiner Beratung in Sachen Stiftungsgründung unterstützt er den deutschen Mittelstand. Dabei begleitet der Experte seine Klienten über die gesamte Phase der Gründung und unterstützt sie dabei, die Stiftung auf einem festen Fundament zu errichten, um den Aufbau und Schutz des Vermögens langfristig sicherzustellen. Mehr Informationen dazu unter: https://www.stiftung.de/
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