Während der Sommermonate sinken die Handelsvolumina an den Börsen häufig spürbar. Viele Anleger nutzen die Urlaubszeit für eine Pause und gehen davon aus, dass sich in ruhigen Marktphasen ohnehin kaum Chancen ergeben. Dabei bedeutet das Sommerloch nicht automatisch Stillstand: Auch wenn sich Kurse nur wenig bewegen, gibt es Strategien, mit denen Anleger laufende Erträge erzielen können.
„Viele Anleger glauben, sie könnten an der Börse nur verdienen, wenn Aktien im Wert steigen. Tatsächlich gibt es Strategien, die auch in ruhigen oder seitwärts laufenden Märkten Erträge ermöglichen“, sagt Anne Schwedt. Nachfolgend erfahren Sie, warum das Sommerloch für langfristig orientierte Anleger keineswegs verlorene Zeit ist, woran sich geeignete Qualitätsunternehmen erkennen lassen und weshalb Auswahlkriterien wichtiger sind als konkrete Aktientipps.
Wenn Seitwärtsphasen Chancen bieten
Das klassische Verständnis vom Investieren folgt einem einfachen Prinzip: Eine Aktie wird günstig gekauft und später zu einem höheren Kurs verkauft. Bleibt die Kurssteigerung aus, entsteht deshalb schnell der Eindruck, im Depot passiere nichts. Gerade im Sommer, wenn weniger gehandelt wird, empfinden viele Anleger diese Zeit als wenig produktiv.
Doch diese Sicht greift zu kurz. Neben möglichen Kursgewinnen können Anleger mit bestimmten Strategien auch Prämien vereinnahmen. Eine Möglichkeit besteht darin, bereits gehaltene Aktien über Optionen gewissermaßen zu „vermieten“. Dafür erhält der Anleger eine Prämie. So können auch in seitwärts laufenden Märkten Erträge entstehen. „Wer nur auf steigende Kurse setzt, hat in ruhigen Phasen tote Zeit im Depot. Wer seine Aktien vermietet, verdient auch dann“, erklärt Schwedt.
Zugleich bieten ruhigere Börsenphasen Gelegenheit, das eigene Portfolio mit Abstand zu überprüfen. Welche Unternehmen passen noch zur Strategie? Ist das Depot ausreichend diversifiziert? Und welche Aktien würde man auch dann halten wollen, wenn ihre Kurse über Jahre kaum steigen?
„Die besten Entscheidungen trifft man nicht, wenn die Märkte brennen, sondern wenn nichts los ist“, sagt die Expertin. Wer die ruhigeren Wochen nutzt, um sein Depot zu strukturieren, ist besser vorbereitet, wenn die Schwankungen wieder zunehmen.
Nicht jede Aktie eignet sich zum „Vermieten“
Entscheidend ist allerdings, welche Unternehmen ins Depot aufgenommen werden. Denn nicht jede Aktie eignet sich gleichermaßen für eine solche Strategie. Neben der Qualität des Unternehmens spielt vor allem die Liquidität des Marktes eine wichtige Rolle.
Im Mittelpunkt sollte zunächst die Substanz stehen. Etablierte Unternehmen verfügen idealerweise über ein stabiles Geschäftsmodell sowie verlässliche Umsätze und Gewinne. Auch Größe und Bekanntheit sind relevant: Je breiter eine Aktie gehandelt wird, desto mehr Marktteilnehmer gibt es in der Regel.
Für das „Vermieten“ ist das entscheidend, schließlich braucht es eine liquide Gegenseite. „Man braucht Mieter für seine Aktien. Und diesen Marktplatz gibt es in der Tiefe nur in den USA – Apple allein ist größer als der gesamte DAX“, erklärt die Wall-Street-Expertin. Damit rückt das Handelsvolumen als Auswahlkriterium in den Mittelpunkt. Ein bekanntes Unternehmen allein reicht nicht aus. Seine Aktie muss auch liquide genug gehandelt werden, damit sich die Strategie zuverlässig umsetzen lässt.
Noch wichtiger ist jedoch eine andere Frage: Würde man das Unternehmen auch besitzen wollen, wenn es keine zusätzliche Prämie gäbe? Wer eine Aktie ausschließlich wegen möglicher Prämieneinnahmen kauft, setzt aus Schwedts Sicht die falsche Priorität: „Die Prämie ist der Bonus, nicht der Grund. Ich kaufe nur Unternehmen, die ich auch behalten will, wenn sie fünf Jahre seitwärts laufen.“ Darüber hinaus sollte das Gesamtdepot ausgewogen bleiben. Eine Streuung über mehrere Branchen reduziert die Abhängigkeit von einzelnen Sektoren. Gleichzeitig sollten Anleger nur Unternehmen auswählen, deren Geschäftsmodell sie tatsächlich verstehen.
Kriterien statt kurzfristiger Aktientipps
Konkrete Aktientipps versprechen schnelle Orientierung, haben jedoch einen Nachteil: Was heute attraktiv erscheint, kann sich schon wenige Monate später anders darstellen. Klare Auswahlkriterien lassen sich dagegen langfristig und in unterschiedlichen Marktphasen anwenden. „Ich gebe bewusst keine Kauftipps. Wer nur nachkauft, was jemand anderes empfiehlt, lernt nichts und ist beim nächsten Mal wieder abhängig“, so Schwedt.
Hinzu kommt, dass Anleger unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Kapital, Anlagehorizont und Risikobereitschaft unterscheiden sich ebenso wie bestehende Depots. Was für den einen sinnvoll ist, muss daher nicht zum anderen passen. Wer hingegen versteht, anhand welcher Merkmale Unternehmen beurteilt werden können, kann diese Kriterien immer wieder anwenden. Auch wenn heutige Favoriten in einigen Jahren andere sein sollten, bleiben die Grundprinzipien bestehen. Schwedt bringt diesen Ansatz auf den Punkt: „Nicht Fisch geben, sondern fischen lehren.“
Allerdings darf die Prämie nicht mit einer Absicherung gegen Verluste verwechselt werden. Fällt der Kurs einer gehaltenen Aktie, kann sie den Verlust zwar mindern, verhindert ihn aber nicht. Das „Vermieten“ ersetzt deshalb weder eine sorgfältige Unternehmensauswahl noch die Auseinandersetzung mit den Risiken.
Das Sommerloch ist für Anleger somit nicht zwangsläufig verlorene Zeit. Gerade wenn die Märkte ruhiger sind, bietet sich die Gelegenheit, das eigene Depot zu prüfen und die Auswahlkriterien zu schärfen. Denn langfristiger Anlageerfolg hängt nicht allein von steigenden Kursen ab, sondern auch von einer Strategie, die in ruhigeren Marktphasen funktioniert.
Über Anne Schwedt
Anne Schwedt ist Investorin und Wall-Street-Expertin. Nach ihrem Master in Business & Finance in London ging sie nach New York, wo sie seit über zehn Jahren lebt und arbeitet. Als Reporterin direkt an der Wall Street lernte sie ihr Börsenwissen von einigen der besten Trader der Welt. Heute zeigt sie privaten Anlegern, wie sie aus ihrem bestehenden Aktienportfolio regelmäßige Erträge erzielen können. Weitere Informationen unter: https://www.anneschwedt.com/
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