Künstliche Intelligenz (KI) wird im kirchlichen Kontext de facto immer stärker genutzt. Dabei werden hohe ethische Ansprüche formuliert, die in der täglichen Praxis aber nicht immer Berücksichtigung finden. Insgesamt fehlt für kirchliche Digitalisierungsthemen zudem oft eine wirkliche Gesamtstrategie.
Das sind einige Ergebnisse der Neuauflage der Studie „Digitalisierung im Raum der Kirchen“ (DiRK 2026), die der Versicherer im Raum der Kirchen (VRK) in Kooperation mit der Macromedia University zu Beginn dieses Jahres durchgeführt hat. Über 7.000 Befragte aller Konfessionen hatten im Rahmen der erneut bisher mit Abstand umfangreichsten Studie zu diesem Thema teilgenommen. Ihre Ergebnisse wurden jetzt im Vorfeld des Katholikentages in Würzburg erstmals öffentlich vorgestellt.
Mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Kirchenmitglieder wie -mitarbeitenden nutzen generative KI-Anwendung wie etwa ChatGPT. Die Nutzung erfolgt dabei zumeist für Recherchen und Texterstellung (60 bzw. 52 Prozent), aber auch „um Rat fragen“ hat bei jeder dritten Person (29 Prozent) eine Bedeutung. Insgesamt wird die führende Bedeutung digitaler Kommunikationstools unterstrichen: Im Internet ist die Mehrheit (53 Prozent) zumindest 1-3 Stunden täglich über Smartphone und Tablet unterwegs; etwa ein Fünftel (20 Prozent) sogar noch häufiger. Hinzu kommt der Online-Zugang via PC und Notebook (39 bzw. 28 Prozent für die vorherigen Zeitangaben). Wichtigster Social Media-Kanal bleibt Instagram (gewichtet 50 Prozent). Konkret abgefragte einzelne Anzeichen von Social Media-Sucht sehen nur wenige Befragte bei sich selbst (Durchschnittswerte von 1,3 bis 2,5 Punkten auf einer Fünferskala von Ablehnung zu Zustimmung).
Bei den Kirchenmitarbeitenden berichtet etwas mehr als die Hälfte (58 Prozent) von KI-Einsatz oder entsprechenden Planungen in der eigenen Organisation. Allerdings nutzt nur eine kleine Minderheit (6 Prozent) bereits eine größere Bandbreite an KI-Technologien. Als zentrales Hindernis gilt fehlendes technisches Know-how (Durchschnitt 6,8 Punkte auf einer Zehnerskala); fast vier von fünf Befragten haben keine KI-Weiterbildung absolviert oder wissen nichts davon (78 Prozent). Eine relative Mehrheit (38 Prozent) verwendet frei verfügbare KI-Tools ohne erkennbare verbindliche Richtlinien. Bemerkenswert ist, dass fast jede fünfte Person (18 Prozent) angibt, diese Tools auch bei einem Verbot weiter nutzen zu wollen („Schatten-KI“). Digitale Innovation in Kirche wird weniger theologisch begründet, sondern hängt eher von Ressourcen oder lokalem Bedarf ab (2,6 bzw. 3,5 Punkte). Externe Social Media haben nur für 31 Prozent große oder sehr große Bedeutung.
Demgegenüber fordern die befragten Kirchenmitglieder sehr deutlich verbindliche ethische Leitlinien für den Einsatz von KI in kirchlichen Einrichtungen (4,6 Punkte auf einer Fünferskala). Ebenso sprechen sie sich klar dafür aus, dass die Letztverantwortung bei sensiblen Entscheidungen beim Menschen bleiben soll, nicht bei KI-Systemen („Human in the Loop“; 4,8 Punkte). Wichtigstes digitales Angebot bleibt die Website der eigenen Gemeinde (56 Prozent), auch wenn Social Media-Plattformen im Vergleich zur vorherigen Befragung aufgeholt haben (z. B. 26 bzw. gewichtet 29 Prozent). Rund ein Viertel (gewichtet 25 Prozent) folgt christlichen Influencer:innen. Besonders erfolgreich sind Akteur:innen im Umfeld von Landeskirchen oder Bistümern (20 Prozent), während US-amerikanische Creator:innen in Deutschland deutlich weniger relevant sind (5 Prozent). Eine klare Mehrheit (62 Prozent) wünscht sich Online-Gottesdienste weiterhin oder erneut.
„Auf unsere erste DiRK-Studie 2023 hatten wir eine sehr positive und umfangreiche Resonanz“, so VRK-Vorstand Jürgen Stobbe. „Knapp drei Jahre später wollten wir deshalb wissen, was sich seitdem konkret wie verändert hat. Auch möchten wir diesmal Themen wie KI oder Social Media-Sucht, die seitdem an Bedeutung gewonnen haben, verstärkt gerecht zu werden“. Studienleiter Prof. Dr. Holger Sievert von der Macromedia University stellt fest: „Unsere Befunde zeigen eine weitere Digitalisierung in den deutschen Kirchen, aber auch nach wie vor eine recht große Strategielosigkeit. Zudem liegen ethischer Anspruch und gelebte Realität bei Themen wie KI manchmal auseinander. Mit der neuen Studie hoffen wir durch aktuelle Daten beizutragen, diese Lücken künftig ein wenig mehr zu füllen.“
Die Ergebnisse der Studie, die auch vielerlei konfessions-, kirchenverbundenheits- und berufsgruppenspezifische Auswertungen erlaubt, erscheinen in verschiedenen Fachveröffentlichungen sowie werden bei diversen Tagungen vorgestellt. So gab es eine Präsentation und zwei Workshops zu den Studienergebnissen schon beim Jahrestreffen des evangelischen „Netzwerk Öffentlichkeitsarbeit“ letzte Woche in Köln; diese Woche gibt es einen Workshop im offiziellen Programm des Katholikentages in Würzburg. Weitere ausgewählte Ergebnisse werden in den nächsten Wochen präsentiert u. a. bei der „European Christian Internet Conference“ (ECIC) in Rom, bei der Tagung „Church and AI“ in Zürich und bei der Annual Conference des „International Association of Media and Communication Research“ (IAMCR) in Galway. Danach folgen vertiefende Publikationen, Vorträge und Workshops bis voraussichtlich Ende 2027.
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