Die Verleihung des deutschen Buchhandelspreis auf der Leipziger Buchmesse ist abgesagt. Ein Sprecher von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer begründete es so: ein würdevoller Festakt für die Preisträger sei nicht mehr möglich. Was ist passiert? Der Kulturstaatsminister hat drei Buchhandlungen von der Nominierten-Liste streichen lassen und beruft sich dabei auf den sogenannten Haber-Diwell-Erlass aus dem Jahr 2017. Darin werden alle Ministerien aufgefordert, zivilgesellschaftliche Projekte vom Bundesamt für Verfassungsschutz prüfen zu lassen, bevor sie Mittel oder Preise bekommen. Im Kulturbereich ist dieser Erlass – so schreibt es die Wochenzeitung „Die Zeit“ – bislang noch nie angewendet worden. Jetzt also hat Wolfram Weimer darauf zurückgegriffen. Was den Buchhandlungen genau vorgeworfen wird, weiß man nicht. Der Verdacht: zu links, was immer das im Buchhandel sein mag.
Das WDR5 Morgenecho sprach mit Katharina Eleonore Meyer. Sie ist Vorstandsvorsitzende der Kurt Wolff Stiftung, eine Interessensvertretung unabhängiger Verlage. Das Gespräch wurde vor aufgezeichnet und wird am Mittwoch, den 11. März im WDR5 Morgenecho ausgestrahlt.
Die folgenden Zitate sind ab sofort zur Veröffentlichung freigegeben.
Frage: Was sagen sie zur Absage der Preisverleihung?
Meyer: Na, ich denke, es ist die Reißleine gezogen worden, nachdem es ja innerhalb der Branche und auch darüber hinaus sehr heftige Diskussionen über den Entschluss von Herrn Dr. Weimar, drei Buchhandlungen von der Liste zu streichen, gegeben hat. Und das kann man aus Sicht des Veranstalters sicherlich nachvollziehen, dass man versucht, einen Eklat zu vermeiden, den es möglicherweise gegeben hätte. Es ist aber natürlich für die Buchhandlungen, die den Preis bekommen sollten und sollen und ja auch werden, natürlich irgendwie auch bedauerlich, dass jetzt auf diesen Festakt verzichtet wird.
Frage: Kann Herr Weimer das denn so einfach? Ist das sein Preis?
Meyer: „Der Preis wird vom Kulturstaatsministerium vergeben und insofern kann er natürlich die Preisverleihung absagen und das Ganze so wie es ja wahrscheinlich jetzt dann stattfinden wird, auch auf eine formelle Ebene verlagern. Es ist natürlich nicht mehr so wie der Preis gedacht ist, der Preis ist ja auch gedacht, um die Arbeit von Buchhandlungen für Demokratie, Bildung und Meinungsfreiheit sichtbar zu machen in der Gesellschaft. Und dafür war eigentlich von vornherein immer gedacht worden, dass man einen öffentlichen Festakt anberaumt, der dann auch von der Presse begleitet werden kann, damit das anschaulicher wird und gefeiert wird.“
Frage: Hat man früher auch schon darüber nachgedacht, ob das jetzt eine linke oder eine rechte Buchhandlung ist, die man da vielleicht mit auf die Nominierten-Liste setzt oder mit auszeichnet?
Meyer: „Also es geht ja in erster Linie darum, dass es eine Jury gibt, diese Jury ist bestellt vom Kulturstaatsministerium, in dieser Jury befinden sich Menschen, die Kenner der Branche sind und das sind üblicherweise Mitarbeiter von Verlagen, die im Vertrieb tätig sind, das sind vielleicht auch Vertreter, und es sind auch immer wieder Journalisten gewesen, also es sind einfach Leute, die in der Feuilleton oder auch in ihrer Berufstätigkeit sich mit der Buchbranche befassen und sich auskennen und die wissen, was eine Buchhandlung ist, sag ich jetzt mal etwas salopp, also und die auch einschätzen können, ob diese Buchhandlung ein Programm hat, ein Sortiment hat, dass sich für Vielfalt und Meinungsfreiheit und Demokratie engagiert oder ob das eine Buchhandlung ist, die per se von ihrem Programm erkennbar irgendwie ein Sortiment anbietet, wo man sagt, das ist aber nun vielleicht doch etwas kritisch zu betrachten, weil es möglicherweise verfassungsfeindlich ist oder weil es sehr polarisierende Literatur anbietet. Natürlich kann der Kulturstaatsminister sich über die Vorschlagsliste der Jury hinwegsetzen, aber es ist natürlich auch für die Jury ein Problem, wenn ihre eigene Kompetenz, die man ihr ja ursprünglich zugebilligt hat, nun abgenommen wird.“
Frage: Welche Wirkung hat das denn? Was würden Sie sagen?
Meyer: „Ich habe in den letzten Tagen mit verschiedenen Leuten gesprochen, die nicht unbedingt in unserer Branche unterwegs sind. Und die Wirkung ist eben dann so, dass die Reaktionen natürlich in dem Moment, wo der Verfassungsschutz ins Spiel kommt, gesagt wird, na gut, okay, da ist ja dann vielleicht irgendetwas. Und damit schwingt im Raum mit, und ich glaube nicht, dass ich da jetzt übersensibel bin, der Eindruck, dass eine Buchhandlung möglicherweise ein subversiver Ort ist, in dem extremistische Ideen verbreitet werden. Und das ist, meine ganz persönliche Meinung, ist erstens grundsätzlich mal nicht der Fall. Also das würde ich doch schon mal sehr in Zweifel ziehen. Und zweitens ist das auch kein gutes Signal in einer Situation, in der wir eigentlich uns vor Polarisierung schützen müssen. Und Offenheit und Diskussion fördern müssen und Austausch über diese Dinge führen müssen. Also, ich vermisse die Transparenz in der ganzen Angelegenheit und das ohne Not.“
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