„Lazarica“ – Entführung in die Welt des Schriftstellers Raditschkow im bulgarischen Staatstheater Ruse

„Lazarica“ – Entführung in die Welt des Schriftstellers Raditschkow im bulgarischen Staatstheater Ruse

Diese Wiederentdeckung lenkt den Blick auf einen Autor, der mit mehr als 40 Werken – darunter Kurzgeschichten, Novellen, Parabeln und Kinderbücher – zu den prägenden Stimmen der bulgarischen Moderne gehört. Seine Bücher, in über 30 Sprachen übersetzt, zeichnen sich durch eine einzigartige Verbindung von Realismus und Fantastik aus, die seinem Schreiben eine poetische und zugleich rätselhafte Qualität verleiht.

Diese besondere Handschrift zeigt sich eindrucksvoll in „Lazarica“. Das Stück führt in eine Welt, die vertraut wirkt und sich doch immer wieder entzieht. Im Zentrum steht Lazar, eine Figur zwischen Erfahrung und Unverständnis, die sich durch eine Wirklichkeit bewegt, in der sich Realität und Fantasie untrennbar überlagern. Zeit scheint sich aufzulösen: Ein einziger Tag verdichtet sich zu einem ganzen Leben, zu vier Jahreszeiten, die sich innerhalb von 90 Minuten entfalten.

Anstelle einer klaren Handlung entfaltet sich das Stück in einer Folge von Bildern, Begegnungen und Situationen. Lazar erscheint weniger als konkrete Figur denn als Grenzgänger zwischen Mensch, Mythos und Idee. Seine Begegnungen mit realen und übernatürlichen Erscheinungen erzeugen eine schwebende Atmosphäre, in der die Grenzen zwischen Leben und Tod, Traum und Wirklichkeit verschwimmen. Was zunächst leicht und stellenweise komisch wirkt, entwickelt zunehmend Tiefe: Absurde Momente, überraschende Dialoge und unerwartetes Lachen stehen neben einer leisen, durchgehenden Unruhe – einem Nachdenken über Vergänglichkeit, Einsamkeit und Sinn.

Diese vielschichtige Welt wird in der Inszenierung von Boian Ivanov am Staatliches Theater Ruse eindrucksvoll umgesetzt. In einer intensiven One-Man-Show verkörpert Milen Dimitrov den Lazar und wird von einem hochspezialisierten Team aus den Bereichen Sound, Musik, Video und Projection-Mapping unterstützt. Besonders prägend ist die Live-Erzeugung von Klängen auf der Bühne – Schritte, Tiere oder Naturgeräusche entstehen direkt im Moment des Spiels und lassen die Bühnenwelt lebendig werden.

Die Verbindung aus Schauspiel, Technik und visuellen Effekten schafft eine eigenständige, zeitgemäße Theatersprache, die Raditschkows poetische Bildwelt in die Gegenwart überträgt. Die Aufführung entwickelt dabei eine fast magische Wirkung und zieht das Publikum über die gesamten 90 Minuten hinweg in ihren Bann. Der lang anhaltende Applaus der ausverkauften Premiere bestätigt die Kraft dieser Inszenierung.

„Lazarica“ ist letztlich weniger eine Geschichte als eine Parabel über das menschliche Dasein. Die starke Symbolik, die lebendige Natur und die poetisch-absurde Sprache fordern dazu auf, hinter die Oberfläche zu blicken. Wie ein scheinbar beiläufiges Gespräch entfaltet sich das Stück erst allmählich – und gerade dann, wenn man glaubt, es verstanden zu haben, öffnen sich neue Deutungsebenen. Genau darin liegt seine besondere Stärke: im Spiel mit Mehrdeutigkeit und in der Fähigkeit, vertraute Gewissheiten in Frage zu stellen.