Leitern und Tritte gehören in jeden Haushalt. Doch die Unfallgefahr wird oft unterschätzt. Im gewerblichen Bereich fast 20.000 meldepflichtige Arbeitsunfälle mit Leitern und Tritten pro Jahr. Der TÜV-Verband erklärt, worauf es bei Auswahl und Nutzung ankommt.
Ob beim Griff ins oberste Regal, beim Wechsel einer Glühlampe oder bei der Reinigung der Dachrinne: Leitern sind praktische Helfer im Haushalt oder für den Zugang zu hochgelegenen Arbeitsplätzen notwendig. Dabei wird das Risiko eines Sturzes häufig unterschätzt. „Ein wackeliger Stand, ein herumliegendes Kabel oder eine defekte Spreizsicherung bei Stehleitern wie Gurtband oder Kette können leicht zu einem Unfall führen“, sagt André Siegl, Referent für Arbeits- und Gesundheitsschutz beim TÜV-Verband. „Je nach Fallhöhe und Bodenbeschaffenheit können Stürze blaue Flecken verursachen oder schwerste Verletzungen hervorrufen.“ Wie gefährlich Unfälle mit Leitern und Tritten sein können, zeigt ein Blick in den gewerblichen Bereich. Im Jahr 2024 wurden nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) 19.636 meldepflichtige Arbeitsunfälle im Zusammenhang mit Leitern registriert. In 961 Fällen waren die gesundheitlichen Folgen so schwer, dass eine Unfallrente bewilligt wurde. Zwölf Menschen kamen ums Leben.
Der TÜV-Verband erklärt, worauf bei der Auswahl und sicheren Nutzung von Leitern zu achten ist.
Beim Kauf auf geprüfte Sicherheit achten
Die sichere Nutzung beginnt bereits mit der Auswahl der passenden Leiter. Denn nicht jedes Modell eignet sich für jeden Einsatzzweck. Für typische Tätigkeiten im Haushalt wie das Wechseln einer Glühlampe, das Staubwischen an der Decke oder das Befestigen einer Gardinenstange sind meist Tritte oder drei- bis fünfstufige Stehleitern geeignet. Sie lassen sich frei im Raum aufstellen und verfügen häufig über breite Stufen, eine Plattform und einen Haltebügel.
Für Arbeiten an Haus und Garten kommen häufig Sprossenleitern zum Einsatz. Als Anlegeleitern benötigen sie eine stabile Fläche zum Anlehnen, während Sprossen-Stehleitern freistehen können. Schiebe- und Mehrzweckleitern bestehen aus mehreren Teilen, lassen sich verlängern und je nach Modell als Anlege- oder Stehleiter verwenden. Welche Variante geeignet ist, hängt vor allem von der geplanten Tätigkeit und der benötigten Arbeitshöhe ab. „Die Länge der Leiter gibt nur bedingt Auskunft darüber, welche Höhe sich sicher erreichen lässt“, sagt Siegl. Verbraucher:innen sollten deshalb auf die angegebene Arbeitshöhe achten. „Fehlt diese Angabe, lässt sich die Arbeitshöhe näherungsweise berechnen: Plattformhöhe plus eigene Körpergröße plus etwa 25 Zentimeter Reichweite über dem Kopf.“ Eine 1,70 Meter große Person kann von einer einen Meter hohen Plattform aus demnach ungefähr eine Arbeitshöhe von 2,95 Metern erreichen. Die Leiter sollte demnach so hoch gewählt werden, dass sich die gewünschte Stelle bequem erreichen lässt, ohne auf den Zehenspitzen zu stehen oder den Oberkörper weit zur Seite lehnen zu müssen.
Beim Kauf sollten Heimwerker:innen außerdem auf das GS-Zeichen („Geprüfte Sicherheit“) achten. Es bestätigt, dass eine unabhängige Prüfstelle wie ein TÜV-Unternehmen die technische Sicherheit des Produkts überprüft hat. Siegl: „Leitern werden nach der Leiternorm DIN EN 131 geprüft, Tritte nach der Trittnorm DIN EN 14183. Dabei werden unter anderem die Belastbarkeit und Standfestigkeit, die Bauart und die verwendeten Materialien sowie weitere sicherheitsrelevante Komponenten überprüft.“
Für die Verwendung im gewerblichen Bereich sind Leitern und Tritte mit einem weiteren Piktogramm (Bildsymbol) oder Hinweis versehen. Mobile Aufstiegshilfen, die nur für gelegentliche Nutzung im privaten Anwendungsbereich vorgesehen sind, dürfen nicht für berufliche Zwecke eingesetzt werden, da höhere Anforderungen an Stabilität und Dauerbetrieb bestehen. Profileitern und Tritte können dagegen bedenkenlos im Haushalt eingesetzt werden.
Leitern immer standsicher aufstellen
Ist die passende Leiter gefunden, kommt es vor dem ersten Aufstieg auf die richtige Aufstellung an. Gerade hier können kleine Unebenheiten zum Risiko werden: eine tiefe Bodenfuge im Flur, ein leichtes Gefälle auf der Terrasse oder weicher Rasen im Garten. Um die Leiter trotzdem zu stabilisieren, greifen viele zu improvisierten Lösungen. „Eine Leiter mit einem Brett unter den Füßen oder ein paar Steinen ins Gleichgewicht zu bringen, mag im ersten Moment praktisch erscheinen. Auch eine zweite Person zum Festhalten der Leiter hinzuzuholen, liegt für viele nahe. Einen stabilen Stand und die richtige Sicherung ersetzt das nicht“, sagt Siegl.
Der Untergrund muss das Gewicht der Leiter und der darauf arbeitenden Person tragen können. Ist der Boden zu weich, steinig oder uneben, kann eine mit der Leiter fest verbundene Quertraverse am Fußende Stabilität erreichen. Rutschfeste Bohlen oder Bretter als Leiterfußsicherung verbessern ebenfalls den Stand. „Erscheint die Leiter auch nur ein wenig wackelig, sollte ihr Standort verändert werden“, sagt Siegl. „Manchmal reichen wenige Zentimeter aus, um einen sicheren Stand zu gewährleisten.“
Bei Anlegeleitern kommt es außerdem auf die richtige Neigung beim Aufstellen an. „Die Leiter sollte in einem Winkel von etwa 65 bis 75 Grad stehen. Ist sie zu steil aufgestellt, kann sie nach hinten kippen; steht sie zu flach, können die Leiterfüße beim Aufstieg wegrutschen“, so Siegl. „Wem die Winkelmethode im Alltag zu unpraktisch ist, kann die sogenannte Ellbogenprobe nutzen: Steht man aufrecht am Fuß der Leiter und berührt der rechtwinklig angewinkelte Ellbogen den Leiterholm, ist die Neigung in der Regel passend.“
Welche Leiterfüße geeignet sind, richtet sich nach dem Untergrund. Rutschhemmende Gummifüße sorgen auf festen und ebenen Böden, etwa in der Wohnung oder auf der Terrasse, für zusätzlichen Halt. Auf weichem Boden im Garten können sie dagegen einsinken. Wer die Leiter auf Erde, Rasen oder Kies aufstellen möchte, sollte ausschließlich für das jeweilige Modell geeignete und vom Hersteller vorgesehene Leiterfüße, Bodenspitzen oder Standverbreiterungen verwenden.
Vor dem Aufstieg müssen Spreizsicherungen, Auszüge und Gelenke vollständig eingerastet sein. Angaben zur richtigen Aufstellung und zulässigen Belastung finden sich in der Gebrauchsanweisung. Zudem sollte die Leiter auf sichtbare Schäden wie verbogene Holme, lockere oder beschädigte Stufen, Risse, defekte Gelenke, lockere oder fehlende Schrauben sowie abgenutzte Leiterfüße kontrolliert werden. Beschädigte Leitern dürfen nicht weiterverwendet werden.
Vorsicht ist bei Arbeiten in großer Höhe geboten. „Häufig ist das Aufsteigen leichter als das sichere Absteigen“, sagt Siegl. Um gefahrlos absteigen zu können, sollte die Leiter drei Sprossen über das Dach hinausragen. Je höher die Leiter ist, desto größer die Gefährdung durch Umkippen. Kippsicherheit erhält die Leiter durch eine oder zwei Quertraversen an den Fußenden und gegebenenfalls einer Einhakvorrichtung am Leiterkopf und einer festen Einhängevorrichtung am höher gelegen Anlegepunkt der Leiter, zum Beispiel an der Hauswand. Ältere Leitern können auch nachgerüstet werden.
Vorsicht vor Stolperfallen
Beim Auf- und Absteigen sollte der Körper stets der Leiter zugewandt bleiben. Dabei sollten immer zwei Füße und eine Hand Kontakt zur Leiter haben. Werkzeuge und andere Gegenstände sollten beim Auf- und Absteigen nicht in den Händen gehalten, sondern beispielsweise in einer Werkzeugtasche verstaut werden. Festes Schuhwerk mit profilierter Sohle verringert zusätzlich die Gefahr, abzurutschen oder umzuknicken. Wird die gewünschte Stelle nur durch Strecken oder weites Hinauslehnen erreicht, sollte die Leiter versetzt werden. „Auch wenn es lästig erscheint: Wer eine Stelle nur mit Mühe erreicht, sollte von der Leiter steigen und die Leiter neu aufstellen“, sagt Siegl.
Herumliegende Kabel, verrutschte Teppiche, Putzeimer oder abgestellte Geräte können schnell zur Stolperfalle werden. Kabel sollten mit ausreichend Abstand an der Leiter vorbeigeführt werden und weder zwischen den Leiterfüßen liegen noch den Auf- und Abstieg behindern. Der unmittelbare Arbeitsbereich sollte frei von Gegenständen bleiben. Auch Haustiere sollten während der Arbeiten ferngehalten werden, damit sie nicht unbemerkt um die Leiter herumschleichen oder dagegenstoßen.
Arbeitsunfälle durch Leitern
Leitern kommen auch im Berufsalltag regelmäßig zum Einsatz – etwa im Handwerk, auf Baustellen oder in der Logistik. „Um dieses Risiko möglichst gering zu halten, müssen Beschäftigte, die Leitern nutzen, im sicheren Umgang unterwiesen werden“, sagt Siegl. „Leitern sind vor jeder Nutzung auf sichtbare Schäden zu kontrollieren und regelmäßig durch eine entsprechend qualifizierte und befähigte Person nach der Technische Regel für Betriebssicherheit (TRBS) 1203 und im speziellen für die sichere Verwendung von Leitern nach TRBS 2121 Teil 2 in Umsetzung der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und mittelbar auch des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) als Leiterbeauftragte zu prüfen.“
Häufig werden die Vorgaben als bürokratische Last wahrgenommen. Doch ein Blick auf langfristige Entwicklungen zeigt, dass sich präventiver Arbeits- und Gesundheitsschutz, unter anderem durch Weiterbildungen, auszahlt. „In den vergangenen Jahrzehnten ist die Zahl der Arbeitsunfälle mit Leitern stark zurückgegangen“, sagt Siegl. Seit dem Jahr 2010 hat sich die Zahl der meldepflichtigen Leiterunfälle um ein Viertel auf rund 20.000 reduziert. Und die Zahl der schweren Unfälle mit Leitern und Tritten, die zu bleibenden Gesundheitsschäden geführt haben, hat sich sogar um knapp die Hälfte auf rund 1.000 Fälle verringert.
Über den TÜV-Verband: Als TÜV-Verband e.V. vertreten wir die politischen Interessen der TÜV-Prüforganisationen und fördern den fachlichen Austausch unserer Mitglieder. Wir setzen uns für die technische und digitale Sicherheit sowie die Nachhaltigkeit von Fahrzeugen, Produkten, Anlagen und Dienstleistungen ein. Grundlage dafür sind allgemeingültige Standards, unabhängige Prüfungen und qualifizierte Weiterbildung. Unser Ziel ist es, das hohe Niveau der technischen Sicherheit zu wahren, Vertrauen in die digitale Welt zu schaffen und unsere Lebensgrundlagen zu erhalten. Dafür sind wir im regelmäßigen Austausch mit Politik, Behörden, Medien, Unternehmen und Verbraucher:innen.
Pressekontakt:
Maurice Shahd
Pressesprecher
TÜV-Verband e. V.
Friedrichstraße 136 | 10117 Berlin
030 760095-320, presse@tuev-verband.de
www.tuev-verband.de | www.linkedin.com/company/tuevverband
Original-Content von: TÜV-Verband e. V., übermittelt durch news aktuell
