Josef Scherer sitzt in einem Ohrensessel in einem Altenheim und denkt an seine erste kleine Wohnung, Spaziergänge in der Natur und den Duft seiner Frau Christine, von der er manchmal nicht recht weiß, dass sie tot ist, die er schmerzlich vermisst und nichts lieber möchte, als endlich wieder bei ihr sein. Ein Krümel fängt seine Aufmerksamkeit und kurze Zeit später eine ihm fremde Frau mit festem Haarknoten und Wischmopp. Ganz offensichtlich ist Josef allerhöchstens noch Gast in seinem Leben, von dem er immer weniger zuordnen kann, ein fast bewegungsloser Protagonist, dessen letzten Tage die unglaubliche Übersichtlichkeit eines doch einst ewig scheinenden Lebens beschreiben, das in Einsamkeit und Demenz zu Ende geht. Das Einschleichen des Vergessens, immerhin, gibt Joseph so etwas wie einen kindlichen Entdeckergeist, der ihn sowohl im Traum, der Erinnerung als auch in der Realität auf die Suche gehen lässt, die Dinge hinter dem scheinbar Offensichtlichen zu erkunden.
„Weggang“ ist eine Erzählung über das Alt-Werden, Alt-Sein, das Vergessen und das Vergessen- und Abgestellt-Werden in unserer so sehr auf das Jungsein und die Leistungsfähigkeit fixierten Gesellschaft, soeben erschienen im Leipziger EINBUCH Buch- und Literaturverlag und geschrieben vom in Ettlingen bei Karlsruhe lebenden Künstler und Autor Stephan Flommersfeld. Und weil Flommersfeld in der mithilfe seines Protagonisten über das Alt-Werden in unserer und eben dieser Gesellschaft erzählt, erzählt er etwas, dass zwar irgendwie in aller Munde ist, jedenfalls dann, wenn man über die Menschen redet, die unsere Alten betreuen und pflegen, über das direkt aber kaum jemand sprechen möchte. Und schon gar nicht über die Alten selbst. Und es ist ja auch alles andere als einfach, wie eben das Alt-Sein selbst. Zumindest dann, wenn man auch noch zunehmend vergesslich und orientierungslos wird, wie es Josef Scherer in dieser Geschichte ergeht, der mehr in seinen Erinnerungen und Visionen lebt, als in der Realität, noch nicht einmal der seines Altenheimes. Er erkennt ja kaum seine Betreuer, von den Mitbewohnern oder Mitbewohnerinnen ganz zu schweigen. So fragt man sich beim Lesen seines Lebens, das ja mehr ein Vegetieren ist, ob dieser Josef nicht vielleicht schon weit über sein Lebensende hinaus leben muss. Was zwangsläufig dazu führt, sich diese Frage im Generellen zu stellen, sich gedanklich damit zu befassen, ob wir nicht überhaupt und mit allen möglichen Mittelchen, Geräten und Aufwendungen unsere Alten viel zu lange am Leben erhalten, und das offensichtlich nicht aus reiner Liebe, denn wie man auch hier lesen kann, ist das Leben irgendwann nur noch eine Qual. Sondern lediglich, damit wir ein reines Gewissen haben, unsere Großeltern am Wochenende besuchen können und wir uns vor allem nicht mit dem eigentlich allgegenwärtigen Tod beschäftigen müssen. Und es stellt sich natürlich dann die Frage, ob das alles noch human ist, oder ob es nicht humaner wäre, unsere Großmütter und Großväter im Altenheim oder Krankenhaus nicht mit der Hilfe von Maschinen über Krankheiten zu schleppen oder sie zwangs zu ernähren. Aber natürlich darf insbesondere diese Frage in unserer Gesellschaft nicht gestellt werden, weil das bedeuten würde, dass wir so bewusst sterben lassen würden. Auch nicht von Pflegern und Pflegerinnen, für die es oft ganz selbstverständlich in ihrer Arbeit ist, ihren Patienten das Essen und Trinken förmlich in die Münder zu stopfen, damit diese nicht verhungern oder verdursten.
So weit geht Flommersfeld in seiner Erzählung natürlich nicht. Sein Protagonist wird fürsorglich und sehr freundlich behandelt. Doch sucht auch dieser nach Wegen aus diesem Leben hinaus, seinen Weggang, den man natürlich versucht, ihm zu verbauen.
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Honorarfreie Verwendung, Beleghinweis erbeten,
601 Wörter; 3971 Zeichen
