„Wir müssen wissen, was geschehen ist!“ – Das Doku-Event „Unsere Mütter, unsere Großmütter im 2. Weltkrieg“ am 30.8. um 20:15 Uhr bei VOX





Acht Frauen, acht Einzelschicksale. In dem Doku-Event
„Unsere Mütter, unsere Großmütter im 2. Weltkrieg“ bringt SPIEGEL TV
Zeitzeuginnen zusammen, die aus verschiedenen Blickwinkeln berichten,
wie der Zweite Weltkrieg sie geprägt hat. Alles dreht sich um die
Frage, welche Rolle die Frauen im Nationalsozialismus erfüllten.
Eines steht fest: Es gab sie alle – vorbildliche Mütter im Sinne
Hitlers, glamouröse Aushängeschilder aus Film und Theater, ängstliche
Mitwissende, eiskalte Täterinnen, Millionen von Opfern.

Vor dem Zweiten Weltkrieg: Deutsche Frauen durften einen
selbstbewussten und für damalige Verhältnisse emanzipierten
Lebensstil führen. Kind und Job unter einen Hut bekommen? Kein
Problem. Dann kamen die 30er und mit ihnen Adolf Hitlers ganz eigene
Vorstellung von deutscher Weiblichkeit. Gemäß der
nationalsozialistischen Philosophie sollten Frauen vorrangig zu Hause
bleiben, heiraten, eine Schar Kinder groß ziehen und ihrem Mann treu
und ergeben zur Seite stehen.

Marianne Clemens (101), Tochter einer wohlhabenden Künstlerin und
Gegnerin des Hitler-Regimes, dachte damals noch nicht, dass sich der
polarisierende Reichskanzler halten würde: „Wir haben ja noch 1933
geglaubt, dass dieser dahergelaufene, ordinäre, ungebildete Hitler
wieder abgewählt würde.“ Die Zurückstufung der Frauen ließ bei ihr
die Alarmglocken schrillen: „Frauen sollten wieder an den Herd. Dabei
waren sie ja nun gerade emanzipiert, hatten studiert und gehörten
dazu. Plötzlich sollten sie also wieder nur kochen und Kinder
kriegen. Wir wollten auch Kinder kriegen, aber nicht befohlen vom
Staat und nicht als Programm!“ Magda Goebbels, die prominente
Vorzeige-Frau, war die berühmteste Trägerin des von Hitler 1939
eingeführten „Mutter-Kreuzes“ für besonders großen Kindersegen. Die
Ehefrau von Propaganda-Minister Joseph Goebbels ließ sich und ihren
Nachwuchs für Nazi-Zwecke bereitwillig vermarkten. Als die
Kriegs-Niederlage schließlich unausweichlich schien, vergiftete sie
ihre sechs Kinder mit Zyankali und beging gemeinsam mit ihrem Mann
Selbstmord.

Inge Deutschkron (92) wuchs mit ihren Eltern in Berlin auf. Sie
ist Jüdin, doch Religion spielte in ihrer Familie nie eine große
Rolle. Dass ihr diese einmal zum Verhängnis werden könnte, ahnte ihre
Mutter früh. „Lass dir nichts gefallen – wehre dich!“, gab sie ihrer
Tochter mit auf den Weg. Beide entgingen der Deportation ins KZ
letzten Endes nur knapp, weil mutige Deutsche die jüdischen Frauen im
Untergrund versteckten. Doch die Ungewissheit, was bei einer
sogenannten „Umsiedlung“ ins KZ durch die Nazis zu erwarten sei, war
ihr ständiger Begleiter: „Wir dachten immer: –Na ja, was kann schon
sein? Wir werden dort hart arbeiten müssen.– Was wirklich war, hat
keiner gedacht oder denken wollen. Ach Gott, manche von ihnen zogen
sich die beste Kleidung an, die sie hatten, für diese Fahrt.“ Erna de
Vries (90) ist „Halbjüdin“ und wurde mit ihrer jüdischen Mutter in
das Konzentrationslager Auschwitz deportiert – freiwillig: „Wo meine
Mutter hingeht, möchte ich auch hingehen.“ Ihre Mutter stirbt im KZ –
sie selbst sitzt im Todesblock und wartet auf ihre Vergasung. „Auf
einmal ging das Tor auf. Ich hatte keine Kraft mehr und habe gebetet
und gesagt: –Wie du willst. Ich möchte leben, aber wie du willst.–
Und ich hatte einen Wunsch – ich wollte noch einmal die Sonne sehen,
bevor ich ins Gas gehen musste“, erinnert sie sich. Erna de Vries hat
den Holocaust überlebt, weil sie als „Rassen-Mischling“ Glück hatte.
Am Tag der geplanten Vergasung wird sie als Zwangsarbeiterin bei
Siemens untergebracht.

Viele junge Frauen in Erna de Vries– Alter waren damals vom
Nationalsozialismus begeistert. Wie kann man sich heute ihre
fanatische Liebe zu Hitlers– Ideologie erklären – wie rechtfertigen?
Ingeburg Hölzer (90) war gerade zehn Jahre alt, als die Nazis an die
Macht kamen und stellte deren System nicht infrage: „Wir waren ja
stolz auf unser Deutschland, wir Jungen jedenfalls. So waren wir
erzogen. –Deutschland, Deutschland über alles– – das wurde gesungen
und das glaubten wir.“ Einrichtungen wie der „Bund Deutscher Mädel“
sollten das Gemeinschaftsgefühl der deutschen Jugend fördern.
Ingeburg Hölzer ging gerne dort hin und sah erst viel später, welchen
Ideologien sie folgte. Heute sagt sie: „Wir haben viel Schönes
erlebt, aber die Hintergründe einfach nicht durchschaut. Wie sollten
wir zum Beispiel wissen, warum die Autobahn gebaut wurde? Das war
schön, da konnte man schnell drauf vorwärts kommen!“

Lieselotte Raasch (91) aus Hamburg wurde deutsch-national erzogen.
Ihr Vater half den Nazis beim Aufbau der Wehrmacht. Als junges
Mädchen trug sie stolz die „BDM“-Uniform, leitete sogar als Führerin
ihre eigene Mädchengruppe. Sie verlor ihre beiden Brüder und den
Vater im Krieg. Zu den Massen-Deportationen sagt sie rückblickend:
„Wir haben gedacht, die seien alle ausgewandert. Dass so viele ins KZ
kamen, davon hatten wir keine Ahnung!“ Viele Deutsche arrangierten
sich mit der nationalsozialistischen Diktatur. Annette
Schücking-Homeyer, pensionierte Richterin, (94) versteht dies bis
heute nicht: „Was mich am meisten bedrückt, ist, dass die Deutschen
so schnell bereit waren, sich einer Diktatur derart anzuschmiegen.“
Während ihrer Zeit als Helferin beim Deutschen Roten Kreuz in der
Ukraine erlebt sie den Massenmord an Juden hautnah. In einem Brief an
ihre Familie schrieb die damals 21-Jährige: „Das, was Papa immer
sagt, dass von Menschen, die ohne moralische Hemmungen sind, eine
merkwürdige Luft ausgeht, ist wahr. Ich kann jetzt die Menschen
unterscheiden. Man riecht bei vielen richtig Blut. Ach Mami, was ist
die Welt für ein großes Schlachthaus.“ Die amerikanische Historikerin
Wendy Lower erforscht seit Jahren die Rolle der Frauen im
Vernichtungskrieg: „Männer und Frauen arbeiteten natürlich zusammen.
Frauen halfen zum Beispiel bei der systematischen Organisation von
Erschießungen. Todeslisten mussten erstellt werden, die Opfer mussten
vorher ausgewählt und erfasst werden, Erfrischungen für die Soldaten
mussten bereitgestellt werden.“ Tausende Frauen waren Mitwisserinnen
und Täterinnen. Viele von ihnen tauchen zwar auf Fotos in
Geschichtsbüchern auf, im Gegensatz zu ihren männlichen Kumpanen
bleibt ihre Identität allerdings meistens unbekannt.

Jennifer Teege sieht sich mit dieser Tatsache innerhalb der
eigenen Familiengeschichte konfrontiert. Die 44-Jährige wuchs im
Kinderheim auf und entdeckte mit 38 Jahren durch Zufall, dass ihr
Großvater KZ-Kommandant Amon Göth war und als „Schlächter von
Płaszów“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Wahllos erschoss er
KZ-Insassen – vom Balkon seiner nahe gelegenen Villa aus. Teeges
Großmutter Ruth Kalder war damals seine Sekretärin und Geliebte. In
dem gemeinsamen Luxus-Domizil genoss sie ihr Leben mit Musik, Mode
und Kosmetik – nur wenige Meter neben dem Lager. „Sie war juristisch
betrachtet eine Mitläuferin. Ihr wurde nie der Prozess gemacht. Ich
glaube aber, dass es viele Situationen gab, in denen sie zur Täterin
wurde“, erzählt die Halb-Nigerianerin. Was findet eine junge Frau an
einem Mörder wie Amon Göth? War es die Macht, der Ruhm? 1946 wird der
Kommandant wegen Massenmordes zum Tode verurteilt. Ruth Kalder ließ
bis zu ihrem Selbstmord im Jahr 1983 sein Foto im Schlafzimmer
hängen. „Wie hätte ich mich verhalten?“, fragt sich ihre Enkelin
heute.

Mehr Hintergründe und die vollständigen Interviews zeigt VOX in
dem Doku-Event „Unsere Mütter, unsere Großmütter im 2. Weltkrieg“ am
30. August um 20:15 Uhr.

Sehen Sie „Unsere Mütter, unsere Großmütter im 2. Weltkrieg“ nach
der Ausstrahlung sieben Tage lang kostenlos online auf VOX NOW unter
www.voxnow.de !

Weitere Informationen zum Doku-Event finden Sie auch unter:
http://kommunikation.vox.de !

Pressekontakt:
VOX Presse & Kommunikation, Janine Pratke, Tel.: 0221. 456-81511
VOX Bildredaktion, Lotte Lilholt, Tel.: 0221. 456-81512

veröffentlicht von am 27. Aug 2014. gespeichert unter Fernsehen. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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