Westdeutsche Zeitung: Entsetzen zur besten Fernsehzeit =
Von Wolfgang Radau





Das Entsetzen wurde zur besten Fernsehzeit in
Millionen Wohnzimmer ausgestrahlt. Großeltern, Eltern und Kinder
wurden Zeugen, wie Moderator Gottschalk schon vor der Auto-Wette von
Zweifeln geplagt war; wie sein Kandidat Samuel wie ein Stein vom
Himmel stürzte und regungslos liegenblieb; wie Co-Moderatorin
Hunziker als Erste wieder klare Gedanken fasste und nach einem Arzt
rief. Dass die verunglückte “Wetten, dass . . ?”-Show nicht
fortgesetzt wurde, war eine unumgängliche Entscheidung. Besser wäre
gewesen, die Wahnsinns-Wette wäre überhaupt nicht ins Programm
genommen worden. Schneller, höher, weiter – seit der Antike ist das
die Triebfeder der Unterhaltungsbranche. Seit im Fernsehen unzählige
Programme um Quoten kämpfen, wird es immer schriller, gefährlicher,
verrückter. Menschen stellen sich zur Schau, machen sich lächerlich,
begeben sich in Gefahr. Und niemand hindert sie daran. Im Gegenteil:
Sie werden animiert, und etliche junge Leute sind der festen
Überzeugung, nur so – durchs Fernsehen – könnten sie sich eine
Zukunft aufbauen. “Wetten, dass . . ?” hat einmal mit so harmlosen
Spielchen begonnen wie dem, mit einem einzigen Luftzug die Kerzen
eines Adventskranzes auszupusten. Spätestens am Samstagabend hat die
letzte noch verbliebene große Familiensendung des deutschen
Fernsehens diese Unschuld verloren. Aus Spaß ist bitterer Ernst
geworden. Samuel K. hatte vor der Sendung vom “ekelhaften Gefühl”
gesprochen, “Autos entgegenlaufen zu müssen, die auf einen zufahren”.
Das Auto, das ihm zum Verhängnis wurde, lenkte sein eigener Vater.
Zur Ehrenrettung des ZDF ist zu sagen, dass Moderator Gottschalk bei
der Absage seiner Sendung den richtigen Ton getroffen hat. Und dass
die Kameras nicht der Versuchung erlegen sind, den bedauernswerten
Verunglückten in Nahaufnahme zu zeigen. Nicht auszudenken, ein
solcher Unfall wäre live in einer privaten Krawall-Fernsehsendung
geschehen. Aber auch das Konzept der ZDF-Show muss sich infrage
stellen lassen. Der Anspruch an Star-Auftritte und Heldentaten hat
sich im Lauf der Jahre spiralförmig nach oben entwickelt – und nun
einen tragischen Absturz erlitten. Wie bisher geht es jedenfalls
nicht weiter mit Gottschalks “Wetten, dass . . ?”.

Pressekontakt:
Westdeutsche Zeitung
Nachrichtenredaktion
Telefon: 0211/ 8382-2358
redaktion.nachrichten@westdeutsche-zeitung.de

veröffentlicht von am 5. Dez 2010. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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