WDR-Recherche: Hersteller- und Brennelemente-Lieferant „Framatome“ an jüngstem Gutachten zu Doel und Tihange beteiligt





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Nach Recherchen des WDR waren zwei Mitarbeiter des Atomkonzerns
Framatome (ehemals AREVA) an der Ausarbeitung des jüngsten Gutachtens
der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) zu den Reaktoren Doel-3 und
Tihange-2 beteiligt. Einer von ihnen ist der Leiter der deutschen
Niederlassung von Framatome in Erlangen. Beide sind Mitglieder jenes
Fachausschusses der RSK, der die Stellungnahme ausgearbeitet hat.

Die Reaktor-Sicherheitskommission ist das wichtigste
Beratungsgremium der Bundesregierung in Sachen Atomkraft. Die in der
vergangenen Woche veröffentlichte Stellungnahme zu den belgischen
Reaktoren kommt zu dem Ergebnis, dass Tihange-2 und Doel-3 trotz
zahlreicher Risse in den Druckbehältern weitgehend unbedenklich sind.

Framatome war seinerzeit am Bau der Kraftwerksblöcke beteiligt.
Bis heute bestehen enge geschäftliche Kontakte zum Betreiber der
belgischen Atomkraftwerke. So liefert die Framatome-Tochter in Lingen
seit Jahren Brennelemente nach Belgien. Die Niederlassung in Erlangen
hat erst kürzlich einen Millionenauftrag zur Erneuerung der
Sicherheitsleittechnik des AKW Doel erhalten. Über den Mutterkonzern
EDF ist Framatome zudem Miteigentümer der umstrittenen Reaktoren
Tihange-2 und Doel-3.

Die Satzung der RSK sieht vor, dass einzelne Mitglieder bei einer
möglichen Befangenheit von den Beratungen ausgeschlossen werden
können. Der RSK-Vorsitzende, Rudolf Wieland, sieht keine Gründe für
einen solchen Ausschluss. „Ich sehe diesen Anlass nur dann, wenn die
so eingebunden sind, dass sie in dem Thema auch bei ihrem Arbeitgeber
irgendwie mit diesem Thema involviert sind. Wenn das nicht der Fall
ist, sehe ich da auch keinen Anlass“, erklärt Wieland im WDR.

Das Bundesumweltministerium, dem die RSK unterstellt ist, stellt
sich hinter den Chef der Kommission. „Anhaltspunkte für eine
Befangenheit bestanden und bestehen in diesem Fall nicht“, schreibt
das Ministerium auf Anfrage des WDR. Es bestehe daher auch „kein
Anlass für eine Neubewertung der Stellungnahme der
Reaktor-Sicherheitskommission.“

Die Firma Framatome antwortete auf Fragen des WDR nach der
Beteiligung ihrer Mitarbeiter an dem Gutachten und einer möglichen
Befangenheit mit der Feststellung: „Die Framatome GmbH stellt einen
wesentlichen Teil der kerntechnischen Kompetenzen in Deutschland.“

Oliver Krischer, Bundestagsabgeordneter aus der Region und
stellvertretender Fraktions-Chef der Grünen, reagiert empört auf die
Beteiligung von Framatome-Mitarbeitern an dem RSK-Gutachten. „Es kann
doch nicht sein, dass Personen die Sicherheit von Atomkraftwerken
beurteilen, die von dem Weiterbetrieb der Anlage in irgendeiner Weise
profitieren“, erklärt Krischer im WDR.

Kritik an der RSK und ihrem jüngsten Gutachten kommt auch aus
Baden-Württemberg. Der Chef der Atomaufsicht des Landes, Gerrit
Niehaus, wirft dem Vorsitzenden der RSK in einer Mail schwere
methodische Fehler vor. „Von einem hochrangigen Expertengremium, das
nach seinem Selbstverständnis das Bundesumweltministerium nach dem
Stand von Wissenschaft und Technik zur Schadens- und Risikovorsorge
berät, ist mehr zu erwarten, als eine ingenieurtechnische Abarbeitung
vorgelegter Untersuchungen“, heißt es in dem zweiseitigen Schreiben,
das dem WDR vorliegt. Niehaus kommt zu dem Schluss: „Das Risiko eines
katastrophalen Unfalls ist nicht mit der Sicherheit ausgeschlossen,
die Recht und Gesetz verlangen.“ Da die RSK selbst mehrfach von
„offenen Fragen“ spreche, sei dem Gutachten „keinesfalls zu
entnehmen, es bestünden keine sicherheitstechnischen Bedenken“, so
Niehaus. „Zu einer Bestätigung der sicherheitstechnischen
Unbedenklichkeit der in Tihange und Doel festgestellten
Wasserstoff-Flocken-Risse ist die RSK also nicht gekommen“, heißt es
weiter in dem Schreiben.

In seinem Brief kritisiert der Stuttgarter Atomaufseher auch das
Auftreten von Rudolf Wieland im Zusammenhang mit der Veröffentlichung
des Gutachtens. Der RSK-Vorsitzende hatte in einem Zeitungsinterview
den Kritikern der belgischen Atomkraftwerke fehlendes Fachwissen und
Panikmache vorgeworfen.

Niehaus, der mehr als zehn Jahre in der Atomaufsicht des
Bundesumweltministeriums tätig war, fordert eine Überarbeitung der
jüngsten Stellungnahme zu den Reaktoren Doel-3 und Tihange-2. In
seiner Mail an die Reaktor-Sicherheitskommission schreibt Niehaus, er
erwarte, „dass die notwendigen Richtigstellungen gegenüber der
Öffentlichkeit erfolgen und eine Einordnung der
Untersuchungsergebnisse zu den schadhaften Reaktordruckbehältern
nachgeholt wird.“

Pressekontakt:
WDR Presse und Information
Tel. 0221 220 7100
wdrpressedesk@wdr.de

Original-Content von: WDR Westdeutscher Rundfunk, übermittelt durch news aktuell

veröffentlicht von am 18. Jul 2018. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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