WAZ: Verurteilt ohne Urteil. Kommentar von Frank Preuß





Ein Mensch ist unschuldig, bis seine Schuld bewiesen
ist. Das klingt so selbstverständlich in einer zivilisierten
Gesellschaft, aber wie zivilisiert ist diese Gesellschaft eigentlich?

Ein 17-Jähriger, laut Ermittlern dringend tatverdächtig, ein
elfjähriges Mädchen in Emden getötet zu haben, wird freigelassen,
weil Gegenbeweise auftauchen. Am Tag zuvor war viel über ihn zu
erfahren, wo er wohnt, was er macht, wie er lebt. Von Nachbarn, von
Klassenkameraden, vom Hörensagen. Klatsch und Gerüchte erzeugen ein
Klima der Wut, das in einem Internetaufruf gipfelt, das Polizeirevier
zu stürmen, um sich den jungen Mann zu greifen.

Soziale Netzwerke wie „Facebook“ sind eine perfekte Plattform, die
Menschen aufzuheizen: Hier werden Bösartigkeiten unkontrolliert ins
Netz geschüttet und aufgesogen. Tatsächlich rottet sich der Pulk vor
der Wache zusammen. „Todesstrafe für Kinderschänder“, schreien die
Leute. Wo leben wir?

Der Polizei muss man vorhalten, dass sie sich zu früh über den
Verhafteten verbreitet hat. Konnte sie die DNA-Auswertung nicht
abwarten? Beugte sie sich dem öffentlichen Druck, der Sehnsucht nach
schneller Aufklärung eines Kindermordes?

Wie das Leben für den 17-Jährigen weitergeht? Das kümmert all
jene, die ihn schon verurteilt hatten, natürlich nicht.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 – 804 6519
zentralredaktion@waz.de

veröffentlicht von am 30. Mrz 2012. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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