WAZ: Halbzeit bei der Kulturhauptstadt – Bildungsregion Ruhr. Leitartikel von Jens Dirksen





Genau besehen lebt jeder von uns doch in seinem
Viertel, in seinem Stadtteil. Das ist in Los Angeles nicht anders als
in Gelsenkirchen. Die Gelegenheiten, sich als Teil einer Region,
einer Metropole zu empfinden, sind für die meisten Menschen nicht
Alltag, sondern die Ausnahme.

So hat die Kulturhauptstadt Ruhr zwar nicht den
Ganzjahres-Feiertag im Revier eingeführt, aber Glanzlichter gesetzt,
mit Aktionen wie den Schachtzeichen und dem Day of Song. Die Kultur
ließ einen Schimmer davon spüren, wie das sein könnte: eine starke,
selbstbewusste Region zu sein, die gemeinsam mehr hinbekommt als jede
einzelne Stadt für sich. Und die es nicht nötig hat, sich so lange zu
einer „Metropolregion“ hochzureden, bis sie es endlich selber glaubt.
Wenn im Urlaub andere wissen wollen, wo wir herkommen, sagen wir ja
schon länger nicht mehr „nördlich von Düsseldorf“.

Einigkeit herrscht im Ruhrgebiet bislang vor allem dann, wenn es
darum geht, an Geld aus Brüssel, Berlin oder Düsseldorf
heranzukommen. Echte Einigkeit aber wird noch viel nötiger sein, wenn
das Revier seine Zukunft selbst in die Hand nehmen will, um nicht
länger Spielball multinationaler Konzerne zu sein, die Standorttreue
nach Kassenlage betreiben.

Kultur kann bei alledem aber nur der Vorreiter sein. Ja, die viel
beschworene Kreativwirtschaft ist ein Hoffnungsträger. Sie wird
jedoch niemals die Massen von Arbeitsplätzen ersetzen können, die bei
Kohle und Stahl verloren gingen. Kultur muss um ihrer selbst willen
da sein und für die Menschen. Wer sie zur bloßen Wirtschaftsbranche
macht, wird am Ende keine Kunst mehr bekommen, sondern Abziehbilder,
Chi-Chi, Zeittotschlagsgetöse.

Auch der Ruhrkultur-Tourismus hat seine naturgegebenen Grenzen.
Halden sind nunmal keine Alpen, und selbst vor dem Stauwehr schlägt
die Ruhr keine Meereswellen. Allerdings gibt es hier mit vorbildlich
sanierten, gepflegten, bespielten Industrie-Kathedralen ein
europaweites Alleinstellungsmerkmal. Und wer sich das anguckt, will
nicht nur entspannen, sondern – staunen und wissen.

So muss sich das Ruhrgebiet schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit
mit geballter Kraft zu einer Bildungsregion entwickeln. Es muss den
Nachwuchs darin schulen, sich mit Technologie, Natur und Zukunft
auseinanderzusetzen. Wir können alles außer doof: Das muss das Ziel
sein. Eine Expo 2020, bei der die ganze Welt im Revier zu Gast wäre,
könnte ein fantastisches Symbol dafür werden. Aber nicht mehr als
das. Denn Bildung findet, genau wie Kohleförderung und Kultur, immer
vor Ort statt.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 / 804-6528
zentralredaktion@waz.de

veröffentlicht von am 28. Jun 2010. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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