WAZ: Gute Seiten, schlechte Seiten – Kommentar von Britta Heidemann





Preisverleihungen, Verlagspartys, Empfänge. Über
3000 Autoren lesen in der ganzen Stadt aus ihren Werken. Was für eine
große, schöne Party ist diese Leipziger Buchmesse, ein Frühlingsfest
der Literatur! Hinter den Kulissen allerdings dräut–s. In den
Buchhandlungen gehen die Umsätze zurück. Nicht nur die kleinen,
inhabergeführten Läden haben zu kämpfen. Selbst große Filialen der
Buchhandelsketten müssen schließen. Leser bestellen ihre Bücher im
Internet – oder lesen gleich elektronisch. Zwar machten 2012 E-Books
nur 3,5 Prozent des Gesamtumsatzes aus, doch steigen die Zahlen
rasant. 1,6 Millionen Deutsche besaßen 2012 ein elektronisches
Lesegerät – viermal so viele wie noch im Vorjahr. Auch die Verlage
befinden sich in einem Umbruch, der ihr Selbstverständnis trifft.
Denn Schriftsteller sein, das funktioniert heute prima ohne sie:
Erstmals wurde in Leipzig ein Preis für die “Selfpublisher”
verliehen, die ihre Werke selbst im Internet vermarkten. Die
Preisträgerin hat 70 000 E-Books verkauft: für je 2,99 Euro,
beim Online-Giganten Amazon. Auch die “Shades of Grey”-Trilogie, die
im vergangenen Jahr die Bestsellerlisten stürmte, hatte zunächst als
E-Book-Serie Fans gefunden. In den USA lockt Amazon die Autoren
inzwischen mit komplettem Verlagsservice auch fürs gedruckte Buch –
und Gewinnbeteiligungen, die höher sind als das, was die Verlage
ihren Autoren bisher anboten. Noch in diesem Jahr will Amazon seine
Verlags-Aktivitäten auf Europa ausweiten. Auf den ersten Blick dürfen
sich die Leser über die neue Vielfalt, die günstigen Preise freuen.
Und die Autoren über die höheren Gewinne. Auf den zweiten Blick aber
ist ein Geschäftsmodell bedroht, das jahrhundertelang literarische
Experimente überhaupt erst möglich machte: Denn mit den
Bestseller-Einnahmen haben die Verlage traditionell die feine
Literatur in kleiner Auflage subventioniert. Und so mischt sich in
die Freude, ein E-Book für nur 2,99 Euro kaufen zu können, eine leise
Sorge: dass der moderne Goethe, der Kafka von heute in dieser schönen
neuen Welt bald keinen Platz mehr findet.

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 – 804 6519
zentralredaktion@waz.de

veröffentlicht von am 12. Mrz 2013. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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