WAZ: Das Still-Leben auf der A 40 – Schön ist es auch anderswo. Leitartikel von Jens Dirksen





Selbstverständlich war es eine völlig abgefahrene
Idee, die Hauptschlagader des Reviers für einen Tag abzusperren. Doch
der Verkehrsinfarkt, den viele drumherum befürchtet hatten, blieb
aus. Das heißt: Eigentlich fand er genau dort statt, wo er sonst auch
zu Hause ist – statt Autos stauten sich auf dem Asphalt der A 40
Fahrräder in geradezu holländischen Ausmaßen: So sieht Freude am
Ausnahmezustand aus.

Schlendernd, radelnd haben die Menschen ein Stück Alltagsraum
zurückerobert, der ihnen als Un-Ort vertraut ist und auf den man
möglichst keinen Fuß setzt: Wer hier herkommt, tut es, um so schnell
wie möglich wieder wegzukommen.

Und doch ist dieser Durchzugs-Raum längst ein Stück Heimat
geworden. Den meisten Menschen sind die Bilder rechts und links des
Standstreifens heutzutage viel vertrauter als die Ufer des Flusses,
nach dem das Ruhrgebiet benannt ist. Dass für einen Tag lang alles
ganz anders war als sonst, ohne Autogase und -lärm, darin lag schon
die ganze Exotik dieses Festes. Darum haben sie gestern auch
mindestens genauso viel gestaunt wie gefeiert: Verwundert und
bewundernd blickten die Menschen auf das Vertraute, blickten auf –
sich.

Das Revier hat seit der Internationalen Bauausstellung Emscherpark
in den 90er-Jahren gelernt, sich für die Stätten der Maloche nicht
mehr zu schämen und sie stattdessen als Industriekultur
herauszustellen. In ähnlicher Manier ist die A 40 nun mit dem
fröhlichen Fest des Still-Lebens als Ort der Alltagskultur geadelt
worden. “Schön ist es auch anderswo”: In der feinen Ironie von
Wilhelm Busch steckt die Erfahrung, dass einem selbst das Hässliche
ans Herz wächst, wenn es nur etwas Eigenes ist.

Der Ruhrschleichweg, wie man das tägliche Ärgernis mit einer
beinahe zärtlichen Verbal-Umarmung gerne nennt, ist das wahre
einheitsstiftende Band dieser Region, die vor Vielfalt mitunter aus
allen Nähten zu platzen droht. Doch den einen zentralen Platz, eine
Piazza del Popolo, eine Place de la Concorde oder einen Roten Platz,
auf dem die Kulturhauptstadt sich hätte feiern können, den hat das
Ruhrgebiet nun einmal nicht. Ein solches Zentrum fehlt ihm zu einer
Metropole klassischer Prägung. Das metropoligste an dieser
Riesenregion ist nun einmal diese Straße, auf der es auch in tiefer
Nacht nicht ruhig ist, wenn man am besten auf ihr entlanggleiten kann
und die Lichter der Städte an sich vorbeiziehen lassen, die hier
nahtlos ineinander übergehen.

Schön, dass wir das mal gefeiert haben!

Pressekontakt:
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Zentralredaktion
Telefon: 0201 / 804-6528
zentralredaktion@waz.de

veröffentlicht von am 18. Jul 2010. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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