Unterhaltung hat einen geheimen Sinn





Es macht Spaß und wir sind von ihr umgeben. Auf der Fahrt zu Arbeit, während der Arbeit, nach der Arbeit und auch in der Freizeit: wir sprechen von der Unterhaltung. Das geht soweit, daß manche von der Unterhaltungsgesellschaft sprechen. Was aber ist Unterhaltung? Wir sprachen mit jemanden der es genau wissen muß: Dem Unterhaltungswissenschaftler Sacha Szabo

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Was ist Unterhaltung?

Sacha Szabo: Unterhaltung bezeichnet für den alltäglichen Sprachgebracht zuerst einen banalen, also inhaltsleeren Zeitvertreib. Daneben bezeichnet Unterhaltung in der Sprachwissenschaft eine Kommunikation, in der Technik etwa den Betrieb einer Anlage. Alle drei Qualitäten also Zeitvertreib, Gespräch und Betrieb eines Artefakts spielen mit in dem Begriff der Unterhaltung. Sprechen über etwas, Geschichten erzählen und diese weiterzuerzählen, das ist Unterhaltung.

Unterhaltung ist also Märchenerzählen?

Sacha Szabo: Unterhaltung ist mehr als nur erzählen. Es ist eine exklusive menschliche Eigenschaft. In dem Maße in dem der Mensch in der Lage war sich in seiner Umwelt wahrzunehmen stellte er fest, daß diese Umwelt Kontingent, widersprüchlich, sinnfrei war. Und mittels Unterhaltungen wurde diese Umwelt mit einem Sinnmyzel durchzogen.

Aber Tiere sind ja auch in der Lage zu kommunizieren.

Sacha Szabo: Natürlich bestätigt die Forschung, daß auch Tiere kommunizieren, aber im Unterschied zum Menschen sind die Kommunikationen zwischen Tieren nicht überzeitlich. Auch – wenngleich wir einräumen müssen, daß wir die Geschichten der Tiere nicht verstehen – erfinden Tiere keine Geschichten.

Wie können wir uns die Entstehung der Unterhaltung dann vorstellen?

Sacha Szabo: Die Emanzipation der Unterhaltung von der angeborenen Anlage zur Kommunikation, die der Mensch mit vielen anderen Tierarten teilt, fand – so kann man es sich vorstellen – am Lager statt. Also über das Geschehe also sich über die Vergangenheit ausgetauscht wurde und Strategien also Planung für die nächste Jagd ausgeheckt wurden. Diese Inklusion von Zeit in die Erzählung ist der Beginn von Unterhaltung. Der nächste Schritt ist dann die selektive Wahrnehmung von Umwelt sowie die Vernetzung bestimmter Umweltdetails zu einem exklusiven Ganzen. Der Mensch begann sich also eine Vorstellung von seiner Umwelt zu machen. Er schuf eine sinnvolle Welt.

Was hat das mit unserem heutigen Alltag zu tun?

Sacha Szabo: Der Mensch ist immer noch darauf angewiesen sich in einer Sinnvollen Welt zu bewegen, denn nur der Sinn schafft Orientierung. Gerade auch in einer komplexen Umwelt wie der unseren, die uns immer unsinniger Erscheint ist es spannend die Phänomene und Artefakte zu lokalisieren die Sinn transportieren.

Und welche sind das?

Eigentlich trägt jedes Artefakt Sinn, da es ja mit einem bestimmten Hintersinn, also einer Vorstellung geschaffen wurde. Es gibt aber gleichermaßen Auskunft über die Situation in der es geschaffen wurde.

Und was macht nun ein Unterhaltungswissenschaftler?

Sacha Szabo: Genau diese Sinnstrukturen sind das, was Unterhaltungswissenschaftler interessiert. Es ist eine Archäologie des Alltags. Wir präparieren die verdeckten, klandestinen Sinnstrukturen heraus und können so auch eine andere – schöne, oder sachlicher: eine interessante Seite an den Alltagsdingen zeigen. Jedes Ding erzählt uns Geschichten und die Aufgabe der Kulturwissenschaft ist es diese Geschichte zu übersetzen und zu konservieren.

Und was untersuchen Sie genau?

Sacha Szabo: In erster Linie sind unsere Untersuchungsgegenstände Alltagsgegenstände und Artefakte. Wir gehen davon aus, daß unser Alltag von einem unsichtbaren Sinnnetz durchzogen ist, dessen Ankerpunkte all die kleinen Dinge unseres täglichen Lebens sind. Und so kann der Aufdruck auf der Bettwäsche, das Rasiergel, die Marmelade, die Fernsehsendung, die neben dem Frühstück läuft und die Kleidung eine Untersuchung wert sein. Ich habe jetzt, wie sie merken willkürlich Gegenstände, die uns jeden Morgen beim Aufstehen begegnen benannt. Konkret untersucht haben wir Spielzeug, wie die Schlümpfe oder Sponge-Bob, Filme wie Fight Club oder Herr der Ringe und soziale Ereignisse wie etwa Jahrmärkte oder das Grillen und aktuell untersuchen wir mit Playmobil wieder ein Spielzeug.

Kann man Unterhaltungswissenschaft studieren?

Sacha Szabo: Nein, Unterhaltungswissenschaft versteht sich mehr als Methode mittels unterschiedlicher Zugänge, die unterschiedlichen Sinndimensionen eines Artefakts zu lokalisieren. Oft kommen auch ganz überraschende Einsichten zutage: Sollte es einmal eine Disziplin werden, könnte man sie ganz reißerisch auch Überraschungswissenschaft nennen.

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veröffentlicht von am 31. Mai 2012. gespeichert unter Medien/Unterhaltung, Sonstige. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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