Rettungsschirm mit großen Löchern / Die bayerische Staatsregierung beteuert, die Kulturschaffenden nicht alleine zu lassen. Doch die Hilfen sind unausgereift und lassen viele durchs Raster fallen.





Kulturschaffende haben schon in “normalen” Zeiten einen schweren Job: Kreative müssen viel Leidenschaft aufbringen, weil ihre Kunst zwar gerne gesehen und gehört, aber oft wenig honoriert wird. Seit Ausbruch der Corona-Pandemie geht es vielen an die Existenz. Manchen ist das gesamte Einkommen weggebrochen und doch fängt der Rettungsschirm der bayerischen Politik sie nicht auf. Ministerpräsident Markus Söder gefällt sich zwar in der Rolle als Retter der Kulturszene. Doch Bayern steht hinsichtlich der Hilfen für die Kultur- und Kreativwirtschaft im Vergleich mit anderen Bundesländern schlecht da. Das bestätigt Carola Kupfer, Präsidentin des Landesverbandes der bayerischen Kreativwirtschaft. Bayerische Politiker haben der Kulturbranche mehrfach gönnerhaft attestiert, sie sei systemrelevant. Das ist in Zahlen zu messen: Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist mit rund 283 500 Beschäftigten laut bayerischem Wirtschaftsministerium die viertstärkste Branche in Bayern. Deutschlandweit übertrifft die Kultur- und Kreativbranche in Sachen Wertschöpfung die chemische Industrie, die Energieversorger und die Finanzdienstleister. Die Theater ziehen mehr Besucher an als Bundesligaspiele. Nur eines fehlt der Kultur- und Kreativbranche: Eine derart effektive Lobby wie der Fußball oder die Autoindustrie sie haben. Kultur wird zu wenig als starke Wirtschaftsbranche gesehen. Politiker tun sich schwer mit der unglaublich vielfältigen Kreativwirtschaft. Der Lockdown trifft Beschäftigte unterschiedlich hart. Neben Künstlern leiden unter der Krise auch Veranstalter, Freischaffende und Dienstleister wie Techniker und viele mehr. Besonders die Solo-Selbstständigen sind verzweifelt. In ihrem Fall schließen sich die “Betriebskostenhilfe” (“Soforthilfe Corona”) des Wirtschaftsministeriums und die “Künstlerhilfe” des Kunstministeriums aus. Der Regensburger Musiker Uli Zrenner-Wolkenstein bringt es bei Facebook auf den Punkt: “Wer Betriebskosten hat, braucht nichts essen. Wer essen will, darf keine Betriebskosten haben. Das ist politische Logik.” Könnte der private Lebensunterhalt mit der Soforthilfe gedeckt werden, bliebe es vielen erspart, einen Antrag auf Grundsicherung zu stellen: Denn wer die Leistung bezieht, muss die eigenen Rücklagen und Altersvorsorge aufbrauchen, bevor es Hilfe gibt. Im Gegensatz zur deutschen Autoindustrie, deren Krise durch den Betrugsskandal hausgemacht ist, sind die Kreativen unverschuldet in diese schwierige Situation geraten. Es wird vielen nicht helfen, wenn Kinos und Theater nun wieder öffnen dürfen. Die Abstandsregeln machen Vorstellungen unrentabel. Die Künstler brauchen also nicht nur für drei Monate Hilfe, sondern eine langfristige Perspektive, bis ein Impfstoff gegen Covid-19 gefunden ist. Für die Kulturschaffenden muss es wie ein schlechter Witz wirken, dass Bayern ernsthaft eine Prämie von 3000 bis 4000 Euro beim Kauf eines rückwärtsgewandten Verbrenner-Autos vorschlägt. Manche Kreative sollen von derselben Summe monatelang leben. Im Gegensatz zur Autoindustrie erweisen sie sich in der Krise als zukunftsorientiert, flexibel und erfinderisch. Mit Konzerten, Filmen, Kabarett- und Theatervorstellungen, die sie kostenlos ins Netz stellen, schenken sie uns Zauber und Zuversicht. Es ist Zeit, dass die Gesellschaft ihnen etwas zurückgibt: Keine Almosen, sondern ein angemessenes Äquivalent zum Kurzarbeitergeld, das Angestellte erhalten. Von der Kreativbranche profitiert die Wirtschaft enorm. Wenn Bayern seine kulturelle Vielfalt erhalten will, muss es dringend umsteuern. Einen Lichtblick gibt es: Durch Corona könnte die Debatte über den Wert von Kunst und Kultur in Fahrt kommen. Wir müssen sie dringend führen.

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veröffentlicht von am 29. Mai 2020. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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