NOZ: Interview Medien mit Wim Wenders, Regisseur





Wim Wenders sieht Bedeutungsverlust des Kinos

„Mehr denn je ein Konsumartikel“ – Regisseur ist enttäuscht von
der Besucherzahl seines letzten Films – „Kreativität das letzte
spannende Abenteuer auf diesem Planeten“

Osnabrück.- Regisseur Wim Wenders beklagt einen Bedeutungsverlust
des Kinos: „Das Kino ist mehr denn je ein Konsumartikel geworden und
als solcher eher daran interessiert, von ,Lebensfragen– abzulenken,“
sagte der 69-Jährige der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Samstag). Für
den Erfolg eines Films sei Werbung ein größerer Faktor als früher,
glaubt Wenders. „Und die Filme, die existenzielle Fragen stellen,
haben a priori geringere Werbemittel. Solche Filme gehen deshalb auch
ganz schnell unter.“

Das aktuelle Mainstream-Kino sei „fast nur von Tempo bestimmt,“
beklagte Wenders. „Da kann man ein einzelnes Bild oft kaum erfassen,
da wird schon wieder weggeschnitten. Das ist oft eher eine
Überrumpelungstechnik als eine Erzähltechnik.“ In den Siebzigerjahren
sei das Kino die Speerspitze der visuellen Kreativität gewesen, sagte
der Regisseur. „Dann waren es die Werbung und vor allem die
Musikvideos, die unsere Bildkultur geprägt haben. Heute liegt es auch
da nicht mehr, sondern eher im Internet, in sozialen Netzwerken, auf
Youtube, oder jetzt gerade in den Serien. All das bildet heute viel
mehr den Geschmack der Zeit. Das Kino ist zwar noch eine
privilegierte Art, mit Bildern umzugehen, aber eben nur noch eine von
vielen.“

Ernüchtert zeigte sich Wenders von den Besucherzahlen seines
jüngsten Films: „Die Zuschauer, die aus ,Every Thing Will Be Fine–
herauskommen, sind zu einem großen Teil emotional tief berührt, aber
die schiere Zahl derer, die den Weg in den Film finden, ist trotzdem
enttäuschend, auch durchaus im Verhältnis zu der Zustimmung, die der
Film bei der Kritik gefunden hat. Das Erzählkino ist einfach schwer
in der Rückbewegung im Verhältnis zum Sensationskino oder zu
Komödien.“

Die Tatsache, dass er immer wieder Filme über andere Künstler
gedreht hat, begründete Wenders mit der Faszination der Kreativität:
„Es ist kaum etwas aufregender, als miterleben zu dürfen, wie andere
kreative Prozesse zustande kommen. Die Kreativität ist heute das
letzte spannende Abenteuer auf diesem Planeten. Es gibt kaum noch
Bereiche, in denen wirkliche Abenteuer möglich sind. Überall war
schon irgendjemand. Aber wie andere Schöpfungsprozesse und andere
Handwerke passieren, das kann hinreißend sein zu verstehen und kann
auch die eigenen kreativen Impulse beflügeln.“

Skeptisch zeigte sich der Regisseur hingegen gegenüber den
sozialen Netzwerken: „Auch Menschen, die nicht kreativ arbeiten,
müssen einsehen, dass tausend Facebook-Freunde nicht so viel wert
sind wie ein einziger wirklicher Freund, den man anrufen kann. Bei
den entscheidenden Fragen des Lebens helfen einem auch eine Million
Likes nicht weiter. Nichts kann einen wirklichen Menschen ersetzen,
weder eine Fiktion noch ein virtuelles Medium.“

Pressekontakt:
Neue Osnabrücker Zeitung
Redaktion

Telefon: +49(0)541/310 207

veröffentlicht von am 25. Apr 2015. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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