Nach Nannen-Eklat: Zeit zum Umdenken / netzwerk recherche kritisiert Nannen-Preis-Vergabe in der Kategorie „Investigative Recherche“





Das netzwerk recherche, der Verein investigativer
Journalisten in Deutschland, kritisiert die Vergabe des
Henri-Nannen-Preises in der Kategorie „Investigative Recherche“. Der
Jury des Nannen-Preises fehlt offenbar zum wiederholten Mal ein
klares Verständnis für die journalistischen Kriterien. Im Fall der
Auszeichnung der „Bild“-Zeitung verwechselt sie einen erfolgreichen
„Scoop“ mit der besten investigativen Leistung.

„Investigativ arbeiten“ heißt nicht, wie die Jury offenbar glaubt,
eine möglichst skandalträchtige Schlagzeile zu produzieren oder von
anderen Medien möglichst oft zitiert zu werden. Das sind allenfalls
Begleiterscheinungen. „Investigativ arbeiten“ heißt vor allem, ein
gesellschaftlich relevantes Thema hartnäckig zu verfolgen, gegen
Widerstände zu recherchieren, dabei neue Erkenntnisse zu gewinnen und
sie verständlich zu präsentieren. Also journalistische Aufklärung im
besten Sinne zu betreiben.

Die Aufdeckung der Hintergründe um den Privatkredit des
Bundespräsidenten Christian Wulff durch die „Bild“-Zeitung war
verdienstvoll und richtig. Dennoch war sie nach den oben genannten
Kriterien nicht die beste investigative Leistung des vergangenen
Jahres.

Wenn der Henri-Nannen-Preis seinem Selbstverständnis als
wichtigster deutschsprachiger Journalistenpreis in Zukunft noch
gerecht werden will, muss er seine Entscheidungsfindung ändern. Er
sollte sich dabei am Pulitzer-Preis der USA orientieren. Ähnlich wie
beim Nannen-Preis wählen in den USA zunächst fachlich qualifizierte
Vorjurys diejenigen Artikel aus, die in die engere Wahl kommen. Die
Hauptjury, die anschließend über die Vergabe entscheidet, besteht
aber nicht wie in Deutschland aus 15 Chefredakteuren und Prominenten,
sondern aus meist sieben Fachleuten pro Kategorie (beispielsweise
erfahrene investigative Journalisten und frühere Preisträger). Über
der Fachjury sitzt beim Pulitzer-Preis zwar noch ein Board, dass sich
in der Regel aber an das Votum der Fachjury hält und nur in
Ausnahmefällen eine andere Entscheidung trifft. Sowohl die
nominierten Beiträge als auch die Zusammensetzung der Jury sind bis
zur Bekanntgabe der Gewinner geheim, um Einflussnahme und Lobbying zu
verhindern.

Dieses Verfahren führt dazu, dass beim Pulitzer-Preis Fachleute
entscheiden und nicht Generalisten nach Gefühlslage oder
Proporzdenken wie viel zu oft beim Henri-Nannen-Preis.

Oliver Schröm, 1. Vorsitzender

Markus Grill, 2. Vorsitzender

Pressekontakt:
Oliver Schröm: 0172 4502960
Markus Grill: 0171 5310433

veröffentlicht von am 12. Mai 2012. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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