Mittelbayerische Zeitung: Kommentar zur Entlassung des Theaterintendanten in Rostock: Rostocks Rückfall, von Marianne Sperb





Eine Stadt feuert einen Intendanten, weil er
sich für Kultur, für sein Haus und seine Mitarbeiter stark macht? Das
klingt wie eine Geschichte aus einem anderen Land, einer anderen
Zeit. In der DDR waren Theater Orte, die Ersatz boten für öffentliche
Debatten. In verklausulierten Worten, der „Sklavensprache“, durfte
dort Kritik am Regime laut werden. Als Sewan Latchinian sich jetzt in
Rostock, 25 Jahre nach dem Mauerfall, die Freiheit nahm, Tacheles zu
reden über die Schrumpfkur für sein Haus, entließ ihn die Stadt
fristlos. Nicht, weil er in seinen zugespitzten Worten auf die
Zerstörung von Kulturerbe durch die Terrormiliz IS verwiesen hat –
sondern weil die Stadtregierung harte Wahrheiten nicht hören will.
Rostock übt mit der Entlassung des Intendanten nicht nur den Rückfall
in vordemokratische Zeiten. Die Stadt verzichtet auch auf einen
Theatermann, wie man ihn sich idealerweise vorstellt. Im armen
Brandenburg gelang ihm das „Wunder von Senftenberg“. Er schaffte es,
im 27 000-Einwohner-Städtchen rund 70 000 Zuschauer ins Haus zu
holen, und 2005 wurde die Bühne sogar „Theater des Jahres“. In
Rostock setzte er seit Herbst 2014 Theater auf der Höhe der Zeit um,
auch mit neuen Formaten wie der Bürgerbühne und neuen Spielorten wie
der Straßenbahn. Die Stadt Rostock hat, falls die Kündigung der
juristischen Prüfung standhält, einen unbequemen Kritiker los – aber
ihre Probleme nicht.

Pressekontakt:
Mittelbayerische Zeitung
Redaktion
Telefon: +49 941 / 207 6023
nachrichten@mittelbayerische.de

veröffentlicht von am 1. Apr 2015. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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