Landeszeitung Lüneburg: Missbrauchte Macht – Sozialpsychologe Prof. Rolf Pohl sorgt sich um #MeToo: Hierarchie der Geschlechter führt zu sexuellen Übergriffen





Harvey Weinstein wurde nach
Vergewaltigungsvorwürfen angeprangert, Donald Trump gewählt, obwohl
er sich der Übergriffe auf Frauen rühmte. Warum werden beide Männer
so unterschiedlich behandelt?

Prof. Rolf Pohl: Es kennzeichnet die Klientel Trumps, dass sie ihn
gewählt haben, obwohl sie von den Vorwürfen wussten. Die waren ihnen
schlicht egal. Trump hat die Vorwürfe der Frauen umgehend in seine
Kampagne gegen „Fake News“ eingebaut. Das wurde ihm zunächst
geglaubt. Die ungleich härtere Behandlung Weinsteins kann ich mir
nicht erklären. Bei der von den Anschuldigungen prominenter Filmstars
losgetretenen Lawine sind viele umgekippt, die über Jahre weggeschaut
haben.

Aber die Immunisierung Trumps scheint zu bröckeln. Darauf deutet
zumindest das Wahlergebnis in Alabama hin.

Pohl: Das sieht in der Tat so aus, obwohl zu der Niederlage der
Republikaner viele Faktoren beigetragen haben. Aber die Vorwürfe
scheinen nun auch das Weiße Haus zu erreichen. Das wird sich nicht
mehr lange unter dem Deckel halten lassen, es sei denn, dass die
#MeToo-Kampagne langsam einschläft, was ich befürchte. Falls die
Vorwürfe der 16 Frauen gegen Trump keine juristischen Ermittlungen
nach sich ziehen sollten, wird das Engagement erlahmen. Zumal Trumps
Verteidigungslinie mehr als brüchig ist: Mal erklärt er alle Vorwürfe
zu „Fake News“, dann sagt er, sie seien verjährt. Beides kann nicht
stimmen.

Trumps Regierungssprecherin deutete dessen Wahl als plebiszitären
Persilschein um, UN-Botschafterin Nikki Haley betonte dagegen, man
müsse die Frauen anhören. Wie erklären sich derart unterschiedliche
Reaktionsmuster von Frauen?

Pohl: Mich hat Haleys Courage auch gewundert, zumal sie vorher als
stramme Trump-Parteigängerin in der UN agierte. Es scheint so zu
sein, dass die Fähigkeit zur Empathie, zum Mitleiden mit Frauen, die
Opfer geworden sind, in seiner Anhängerschaft nicht komplett
narkotisiert wurde. Wer die Vorwürfe aber in der Form bagatellisiert
wie Sarah Huckabee Sanders, Trumps Sprecherin, die die Linie
vertritt, ihr Chef sei durch seine Wahl von allem reingewaschen, ist
Teil des Systems, das solche Übergriffe ermöglicht.

Gewalttäter sind überwiegend Männer, Opfer von Gewalt überwiegend
Frauen. Was sind die Ursachen? Hormonstatus, gewaltaffine
Rollenvorbilder oder ein System, das männliche Dominanz fördert?

Pohl: Tatsächlich liegen die Ursachen im letztgenannten Punkt. Wir
haben trotz aller unbestreitbaren Modernisierungen in
Geschlechterfragen noch immer ein System männlicher Dominanz. Das
liegt auch daran, dass alle Versuche der Gleichstellung nicht nur mit
Beharrungskräften zu kämpfen haben, sondern mit einer breiten
Bewegung, die die Uhr zurückdrehen möchte. Populisten, Parteien und
Presseorgane bekämpfen alles, wo das Label „Gender“ draufsteht.
Geschlechterpolitik wird für das Elend der Welt und insbesondere die
Krise des Mannes verantwortlich gemacht. Es ist also nicht nur das
Rollenverhalten, sondern dessen strukturelle Verankerungen. Das
männliche gilt immer noch als das überlegene und wichtigere
Geschlecht. Biologistische Erklärungen helfen nicht weiter. Es sind
weder das Gehirn noch die Hormone noch die Evolution, die den Mann
zwingen, sich so zu verhalten wie in der Steinzeit. Das sind nur
Nebelkerzen, um die Hierarchie der Geschlechter zu verdecken.
Männliche Stärke, männliche Identität ist sehr stark an eine
lebenslange Erwerbstätigkeit gekoppelt. Prekarisierung und
Globalisierung lassen die seit langem bröckeln, was nun in einer
stark verkürzten Diskussion den Frauen angelastet wird. Auf diese Art
wird überdeckt, wie sehr auch Männer unter diesem System leiden
können, bis hin zu einem Punkt, an dem sie ihr vermeintliches
Versagen mit Gewalt kompensieren.

Wieso dauerte es so lange, bis Frauen den Mut aufbrachten,
Alpha-Männchen von Bill Cosby über Bill Clinton oder Dominique
Strauss-Kahn anzuklagen?

Pohl: Das liegt zum einen an den Milieus, etwa dem der
Unterhaltungsindustrie, wo derartige Dinge lange Zeit gedeckelt
werden, weil sie zum Alltag gehören – oder weil sie die Karriere
desjenigen zerstören können, der das unausgesprochene Schweigegelübde
durchbricht. Einer der zentralen Gründe, warum Frauen, die Opfer
sexueller Übergriffe geworden sind, schweigen, bleibt zudem Scham.
Fatal ist an der späten Anzeige solcher Übergriffe auch, dass es den
Tätern erlaubt, weitere Frauen anzugreifen.

Im Mittelalter gab es das Recht der ersten Nacht, im Krieg dienten
seit jeher Vergewaltigungen dazu, den Feind zu demütigen. Lassen sich
Macht und Sexualität trennen?

Pohl: Meiner Meinung nach nicht, auch wenn in der Diskussion
gerade oft so getan wird, als würde es nur um die Ausübung von Macht
gehen und Sexualität wäre nur das Mittel. Ich denke dementgegen, es
geht in den meisten Fällen auch um sexuelle Befriedigung. So rühmte
sich Trump selbst, es sei das Recht des Mächtigen, das er sich
herausnehme, Frauen gegen deren Willen zu küssen oder zwischen die
Beine zu greifen. Diese Relikte werden in immer neuen Gewändern
auftauchen, wenn wir nicht die grundlegende Geschlechterhierarchie
ändern. Meine These ist, dass in der Ausprägung männlicher Sexualität
unter diesen strukturellen Bedingungen Macht immer mit eingelagert
ist. Beziehungsweise Gewalt als Kompensation von Ohnmacht. Dass diese
so häufig auf dem Feld der Sexualität ausgeübt wird, liegt daran,
dass der sich autonom und stark wähnende Mann nirgends verletzlicher
ist.

Kann der Hashtag #MeToo Sexismus eindämmen oder wird der Aufschrei
genauso weitgehend folgenlos verhallen wie etwa nach der Kölner
Silvesternacht?

Pohl: Vier Jahre vor der Silvesternacht tobte die Sexismus-Debatte
im Zuge der Brüderle-Affäre durch den Blätterwald – aber nur für zehn
Tage. Die Aufregung hat sich ebenfalls nach einer Zeit gelegt, wobei
sie von Anfang an politisch aufgeladen wurde, um als Mittel im Kampf
gegen Zuwanderung verwendet werden zu können. So eine Debatte kann
nur auf Dauer gestellt werden, wenn der Scheinwerfer stärker darauf
gelenkt wird, wie sehr die Persönlichkeit von Frauen zerstört wird,
die zu einer verfügbaren Masse Fleisch degradiert werden. Und auf der
Täterseite muss reflektiert werden, inwieweit eine gewaltbereite
Sexualität mit der Vorherrschaft des Männlichen in unserer
Gesellschaft verwoben ist. Steuern wir auf Verhältnisse zu, in denen
männliche Vorgesetzte grundsätzlich nur in Anwesenheit von Zeugen mit
weiblichen Untergebenen sprechen werden, wie zum Teil schon in den
USA?

Pohl: In der Tat gibt es Tendenzen eines neuen Puritanismus. Eine
derartig rigide Umsetzung zeugt aber von einem falschen Verständnis
der Problematik. Dass Männer verunsichert sind, ist zunächst ein
gutes Zeichen. Es auf diese Schiene zu schieben wäre aber fatal, weil
dann künftig noch weniger Männer etwa in den Erzieherberuf gehen. Es
muss klar gesagt werden, dass der gefährlichste Bereich für Frauen
der häusliche, nicht der öffentliche ist. Ohne Köln bagatellisieren
zu wollen: Die größte Gefahr, missbraucht, gedemütigt und misshandelt
zu werden ist zu Hause. Benimmregeln lösen das grundsätzliche Problem
nicht.

Steigert die Krise eines Männlichkeitsbildes, das stark auf der
Ernährerrolle gründet, in Zeiten unsicherer Jobaussichten die
Gewaltbereitschaft betroffener Männer?

Pohl: Die latent bereits vorhandene Gewaltbereitschaft wird
befördert durch die Erosion männlicher Identitätsbilder.

Wie kann man verhindern, dass die Debatte in eine Art Tugendterror
oder moralischen Totalitarismus gipfelt?

Pohl: Indem 1. die Aufklärung nicht abreißt, 2. geklärt wird, wie
Frauen zum Opfer gemacht werden und was das bei ihnen auslöst, 3. die
Rolle sexualisierter Gewaltbereitschaft als Mittel zur Kompensation
aufgearbeitet wird und 4. die gesellschaftlichen Strukturen geändert
werden, die genau diese Verhaltensmuster immer wieder hervorbringen.
Es ist doch bizarr, dass wir auf der Elternseite vielerorts einen
Kampf gegen jeden Unterricht haben, der sexuelle Verhaltensmuster
abseits der Norm der heterosexuellen Kleinfamilie benennt. Das ist
ein Einfallstor für fundamentale Christen und Rechtspopulisten.
Andererseits wird erlaubt, dass über die Medien eine
Pornographisierung der Jugendlichen stattfindet. Viele wissen aus
Pornos, wie man mit dem Körper einer Frau umgehen kann, bevor sie
ihren ersten Kuss erlebt haben. Über das dort transportierte
Frauenbild werden immer neue Generationen von Sexisten erzeugt.

Das Interview führte Joachim Zießler

Pressekontakt:
Landeszeitung Lüneburg
Werner Kolbe
Telefon: +49 (04131) 740-282
werner.kolbe@landeszeitung.de

Original-Content von: Landeszeitung Lüneburg, übermittelt durch news aktuell

veröffentlicht von am 22. Dez 2017. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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