Keine Kunst ohne Authentizität





Medienberichte spiegeln ein zwiespältiges Bild von der Lage der Künste. Einerseits werden bei Versteigerungen für einzelne Kunstwerke Rekordsummen erzielt, andererseits verfügen die Museen hierzulande über keinen oder nur einen geringen Ankaufsetat. Und: Die wenigsten Künstler können von ihrer Arbeit leben.

Im 23. “Herrenhäuser Gespräch” von VolkswagenStiftung und NDR Kultur, das von Stephan Lohr moderiert wurde, gaben Experten “Zur Ökonomie zeitgenössischer Kunst, Musik und Literatur” Auskunft.

Einig war man sich auf dem Podium des Herrenhäuser Gesprächs, dass die exorbitanten Preise für Kunst mit den Renditeerwartungen von Käufern und nicht notwendigerweise etwas mit der Qualität der ersteigerten Werke zu tun haben. Ansonsten aber scheint das Thema schwer zu fassen zu sein. Aussagen, die für alle drei Kunstgattungen zutreffen, lassen sich nicht machen, zudem ist kaum zu definieren, was “zeitgenössische” Kunst überhaupt ausmacht.

Thomas Schäfer, Direktor des Internationalen Musikinstituts Darmstadt, sprach von einem “begrifflichen Durcheinander”. Ungenau bleibe die Bestimmung dessen, was nun “neue” oder “Neue”, was “zeitgenössische” oder “avantgardistische” Musik eigentlich sei, was sie auszeichne. Für Michael Krüger, Verleger des “Hanser-Verlags” und selbst Schriftsteller, stellt sich in der Literatur die Frage der Avantgarde ohnehin nicht. Jede Generation suche ihre Mittel zu finden, um sich auszudrücken. Immer mal wieder werde das “Ende” dieser oder jener Form verkündet – und immer ohne Folgen, etwa für den Roman oder das Gedicht. Kunsthistoriker Hubertus von Amelunxen verwies darauf, dass in der bildenden Kunst aller Unkenrufe zum Trotz die Malerei keineswegs überholt sei.

In der Musik geht es um Inhalte

Manfred Eicher, Musiker, Musikproduzent und Gründer des hoch ambitionierten Schallplattenlabels ECM Records wollte sich auf Kategorisierungen von Musik nicht einlassen. Er folge seinen “Instinkten als Künstler”, orientiere sich bei seiner Arbeit nicht an Genres, sondern nehme auf, was ihm selbst gefalle. Sein Ziel sei ein Höchstmaß an Qualität bei der Aufnahme. Anders als bei den großen Labels, bei denen nur noch über Marketing gesprochen werde, gehe es ihm um die Inhalte: “Musiker müssen etwas zu sagen haben.” Er fühlt sich durch seinen Erfolg bestätigt, auf Subventionen von Staat oder Stiftungen ist er nicht angewiesen.

Sowohl Schäfer als auch Cornelia Schmid, Geschäftsführerin der gleichnamigen Konzertagentur, sahen durchaus bessere Bedingungen für die “neue Musik” als noch vor wenigen Jahren. Schmid verwies darauf, dass sich Konzerthäuser heute mehr trauten und ihre Säle für diese Musik öffneten. Es gebe, wenn auch noch zu wenige, gemischte Programme. Wichtig sei es, dass prominente Interpreten Stücke zeitgenössischer Komponisten in ihre Programme aufnähmen.

Die Lage vieler Künstler ist prekär

Der Optimismus war insgesamt aber eher verhalten. Denn die Lage der meisten Künstler ist prekär. Besonders Komponisten verdienten heute weniger als Interpreten, bräuchten meistens zwei Jobs, berichtet Schäfer, wenn sie nicht selbst unterrichteten. Sowohl Kompositionen als auch Theaterstücke junger Dramatiker würden selten nach der Erstaufführung an anderen Theatern nachgespielt, wie Krüger hervorhob. Zudem hätten es bestimmte Formen, vor allem die Lyrik, bei großen Verlagen schwer. Bertelsmann, ein Weltkonzern, habe im vergangenen Jahrzehnt nicht einen Gedichtband veröffentlicht. Aber es fänden sich immer wieder kleine Verlage, die sich eben auch für wenig populäres interessierten.

Sind vielleicht zu viele Künstler auf dem Markt? Immerhin werden in der Bundesrepublik in zwanzig Instituten bildende Künstler ausgebildet, wie von Amelunxen berichtete. Jährlich würden in der Bundesrepublik 1.200 junge Künstler diplomiert, in den USA sogar 80.000. Er gab zu bedenken, ob man vielleicht eher weniger Aspiranten aufnehmen und dafür die Ausbildung verbessern sollte. Er hält sie insgesamt für zu konservativ. “Eine grauenhafte Vorstellung” ist für Krüger, angehende Schriftsteller in solche Ausbildungsstätten zu stecken. Er entwarf das Schreckensszenario einer Schreibschule, in der Kafka und Robert Walser gemeinsam als Sitznachbarn unter der Fuchtel eines gestrengen Schreiblehrers zur Literatur getrieben werden. Einig war man sich, dass man Kunst nicht erlernen könne und es auf Subjektivität und Authentizität ankomme. Künstler wollten wie eh und je ihre “Idee von der Welt” ausdrücken, also “ihr Ding” machen.

Eicher, der, wie er sagt, eine “weltweite Zuhörerschaft” erreicht, hatte die Erfahrung gemacht, dass man auch mit Ausgefallenem ein junges Publikum erreichen könne, wie er in vielen Teilen der Welt – von Norwegen bis Korea – beobachtet habe. Allerdings müsse man wieder lernen, gemeinsam zu hören und über das Gehörte zu reflektieren.

Was aber die Fähigkeit, “wirklich zu hören, sehen und zu lesen” angeht, zeigte sich Krüger besonders pessimistisch und verwies auf die Probleme der Schulbildung. Cornelia Schmid dagegen äußerte ihren Eindruck, dass der heutigen Schülergeneration mehr musikalische Bildung vermittelt werde als ihren Eltern; sie gab sich deshalb verhalten optimistisch, was die Zukunft der klassischen Konzerte angeht. Aussagen, wie groß zukünftig die Resonanz für die neue Musik allgemein sein wird, wagte niemand zu machen.

Das Publikum des Herrenhäuser Gesprächs jedenfalls zeigte sich aufgeschlossen bis begeistert von den Stücken von Carola Bauckholt und Iannis Xenakis, die Reynard Rott (Violoncello) und André Wittmann (Schlagzeug) interpretierten. Speziell die abschließende Schlagzeugperformance animierte Podiumsgäste wie Veranstaltungsbesucher zu anhaltendem Applaus.

Karl-Ludwig Baader

Die Diskussion wird am 17. November um 20 Uhr auf NDR Kultur gesendet.

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veröffentlicht von am 15. Nov 2013. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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