Im Zen zum eigenen Ausdruck finden





Damit sich etwas weiterentwickeln kann, braucht es Abweichungen von der Norm. Das gilt nicht nur für die Evolution des Menschen. Auch die formelle Praxis der Zen-Tradition wurde immer wieder durch den provokativen Geist prägender Zen-Meister in Frage gestellt – in ihrem Buch “Zen Rebellen, Radikale und Reformer”, einer Neuauflage des Klassikers Verrückte Wolken, erzählen Perle Besserman und Manfred Steger anhand der Portraits von acht herausragenden Zen-Lehrern von den frühen Anfängen in China bis zur Gegenwart die Geschichte einer Zen-Strömung, die sich um Konventionen konsequent nicht scherte. Und damit den Weg ebnete für eine junge Generation von Buddhisten, die die Zen-Essenz alltäglichen Bewährungsproben aussetzt: Als Punkrocker, Surfer oder Gefängnisinsasse.

Was macht einen guten Zen-Meister aus? Dass er unberechenbar ist! Viel Stoff für unterhaltsame Anekdoten, die Perle Basserman und Manfred Steger in ihren biografischen Essays mit großem Enthusiasmus zu einer Bestandsaufnahme des Graswurzel-Zens zusammenführen. Nicht mehr das starre Befolgen hehrer Gebote steht im Vordergrund, sondern der saftige Versuch, die Lehren in den besonders herausfordernden, besonders brenzligen Situationen des Alltags auf seine praktische Tauglichkeit hin zu überprüfen. Wie der porträtierte Bodidharma leben sie die Überzeugung vor, dass heilig und profan keine Gegensätze sind, dass das Pflücken einer Blume, das Essen eines Reiscrackers oder das Miteinanderschlafen ebenso heilig sein können wie die Niederwerfungen vor dem Buddha oder das Rezitieren seines Namens.

Zeit seines Lebens betonte Buddha, dass die Wahrheiten individuell erfahren werden müssen. Doch all seinen Warnungen zum Trotz entwickelten seine Schüler aus den Lehren ein weitestgehend doktrinäres System, das sich über die Jahrhunderte immer weiter zu Theorien verästelte. Besserman und Steger, beide Dozenten an amerikanischen Universitäten, befreien die Leben der exzentrischen Meister vom Ballast theoretisierender Ausführungen, ihre erfrischenden Essays bringen den Zen vom Kopf ins Herz und ermöglichen damit, den Stamm zu erfahren.

Übung, Hingabe und Verwirklichung haben die vorgestellten Lehrer zu einem freien Leben geführt, nicht beengt von religiöser Etikette, Hierarchie und Regelgerech-tigkeit. Das macht sie den Autoren zufolge zu Archetypen für die heutige Zeit, in der globale Umbrüche die Basis der Demokratie prüfen: “Es ist dieses ständige Hinterfragen des eigenen Da-Seins, das uns die moralische Autorität des Individuums wieder ins Gedächtnis ruft. In letzter Instanz muss es die formalen Strukturen hinter sich lassen und zu seinem eigenen souveränen Ausdruck gelangen.”

Anschaulich und bunt unterstreichen die Essays, dass es den “einen” richtigen Weg zur Essenz nicht gibt. Bassui genügte das Geräusch eines Bergsturms, um die Wahrheit zu erschauen. Andere Porträtierte benötigten Jahre der Entbehrung und Askese. So unterschiedlich die Menschen, so einzigartig die Zugänge und die Art, darüber zu lehren. Wie eine Kunst, die stets neue Wege zur Ästhetik erkundet.

veröffentlicht von am 29. Jun 2011. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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