Frech, aber nicht respektlos: Wagners “Ring” als Rock-Musical von Frank Nimsgern und Daniel Call





Der Mythos vom Nibelungengold hat Jahrhunderte und Generationen überdauert. Verschiedene Geschichten sind in seinen Überlieferungen verwoben, Dichtung und Wahrheit miteinander verschmolzen.

Die älteste, uns heute bekannte Variante,
die mündliche Erzählungen in Verse bannte, ist das NIBELUNGENLIED, entstanden um 1200. Hans Sachs, Friedrich de la Motte Fouqué, Emanuel Geibel und Friedrich Hebbel sind nur einige der prominenten Vertreter, die Dramatisierungen der berühmten Vorlage schufen. Im Mittelpunkt dieser standen in erster Linie Heldentaten – dank übermenschlicher Kräfte gelang es, das Gold und die damit verbundene Macht im Auftrag anderer und für andere zu erringen. Erst Richard Wagner integrierte in seinem Opus Magnum DER RING DES NIBELUNGEN (komponiert zwischen 1853 und 1874) eine zweite Erzählebene. Geschildert wird die Herkunft jenes sagenumwobenen Goldes, aus dem schließlich der Macht und Verderben bringende Ring geschmiedet wird und das den unglückseligen Weg aus den Fluten des Rheins über den himmlischen Göttersitz Walhall auf die Erde nimmt, dort Zwietracht sät und den Menschen seinen Göttern entfremdet. Wagner griff dafür auf verschieden Quellen zurück, vor allem suchte er den Bezug zu den altgermanischen und nordischen Göttersagen, zur altisländischen Götter- und Heldendichtung EDDA. Götter – Halbgötter – Menschen – Zwerge, so gestaltete er, so dachte er sich die Hierarchie, innerhalb derer drei, teilweise direkt von den Göttern abstammende Menschen-Generationen um Herrschaft, Stärke und Macht, aber auch um Liebe kämpfen.

Mehr als 130 Jahre nach der Bayreuther Uraufführung
ist ein neue musiktheatralische Version auf die Bühne gekommen. Der Komponist Frank Nimsgern verwirklicht mit dem RING einen künstlerischen Traum, der bis in seine Jugendzeit zurückreicht. Wagners RING DES NIBELUNGEN, insbesondere das RHEINGOLD in seiner dichten dramatischen Erzählung, vermittelte sich ihm immer als die perfekte Bühnen-Story, und eben die wollte er einem größeren Publikum zugänglich machen.

Hier soll nicht Wagner plagiiert werden,
sondern in eigner musikalischen Sprache ein originäres Werk geschaffen. Kenntnisse der komplexen Handlung und der Wagnerschen Leitmotive sind also nicht vonnöten. Der Wagner-Liebhaber wird dennoch auf seine Kosten kommen, denn hin und wieder schimmern in Nimsgerns Rocksongs, Balladen und Gitarrenriffs Reminiszenzen an die Tetralogie hervor.
Die RING-Geschichte hat Nimsgern gemeinsam mit dem bekannten Bühnenautor Daniel Call in einer stringenten Fassung komprimiert.

Im Zentrum steht der Ring der Macht,
der aus der Düsternis des Rheingrundes ans Licht geborgen werden will. „Befrei mich, entweih mich“ – Der Zwerg Alberich kann seinen Verlockungen nicht widerstehen und raubt ihn den Rheintöchtern.
Der Göttervater Wotan überwältigt Alberich, nimmt ihm den Ring und somit die Macht. Der Ring aber wandert weiter. Wotan zahlt damit seine Schulden an die Riesen Fafner und Fasolt, doch Ring und Macht lassen sich nicht teilen. Fafner geht als Sieger aus dem Streit hervor, in Gestalt eines Drachen hütet er fortan seinen Schatz.
Alberich, der seine Niederlage und den Verlust des Ringes nicht verwinden kann, erschafft Siegfried, den starken Kämpfer und mutigen Helden. Sein Plan geht auf: Siegfried tötet den Drachen Fafner und raubt ihm den Ring. Doch mit einem hat Alberich nicht gerechnet: Siegfried begegnet Wotans Tochter Brunhild. Ihr Vater hat ihr den Götterstatus genommen, aus Zorn darüber, dass sie ihn vor der Verderben bringenden Macht des Ringes warnte und ihn an seine göttliche Verantwortung erinnerte. Brunhild macht aus Siegfried einen fühlenden und denkenden Menschen. Wird es dem Paar gelingen, die Macht des Ringes zu bannen?

Frech, aber nicht respektlos
sind die Erfinder des Ring-Musicals mit dem alten Stoff umgegangen. In die düstere Rahmenhandlung einer Vater-Tochter Beziehung unserer heutigen Zeit liegt die grell bunte Parallelwelt der Rheinsaga eingebettet. Als Reminiszenz an Michael Endes „Unendliche Geschichte“ führt ein kleines Menschenkind durch 2 ½ Stunden Unterhaltung pur aus Rock, Funk, Jazz und deutschsprachigen Liebesliedern à la Rosenstolz, manchmal ein wenig den Gag erheischend, doch ganz und gar nicht flach.

Und genau das kommt an.
Das Publikum ist begeistert, jeder kommt auf seine Kosten, sogar der Wagnerianer kann noch etwas hinzugewinnen. Am meisten jedoch profitieren die Kenner von Matrix, Rocky Horror Show, Little Shop of Horror und die Freunde von Dialekt-Dialogen.

Es wirde zitiert, was das Zeug hält. Ich sagte zitiert, nicht geklaut!!!
Und hierin liegt ein Reiz des neuen Musicals: im Wiedererkennungseffekt zu einigen der ganz großen Erfolge, platziert wie Sahnetupfer auf eine neu kreierte Musical-Torte. Das Musical hat das heilige Wallhall erobert, der Bayreuther Hügel ist in Bonn für ein neues, junges Publikum aufgetürmt worden. Er kann erklommen werden.

Regisseur Christian von Götz setze gemeinsam mit dem Bühnenbildner Hans Hauser, der Kostümbildnerin Gabriele Jaenecke und dem Choreographen Marvin A. Smith das Rockepos von Frank Nimsgern in opulenten Bildern unterhaltsam, spannend und dennoch mit dem nötigen Maß an Tiefe in Szene.
Die Hauptpartien verkörpernd bestechen Aino Laos als Brunhild, Karim Khawatmi als Wotan, Darius Merstein-McLeod als Alberich, Marcus Hezel als Siegfried, flankiert von Franziska Ballenberger, Lucy Hickey, Judith Jakob, Kordula Kohlschmitt, Michaela Kovarikova, Daniela Rausch, Stephanie Theiß, Maricel Wölk, Paul Cless, Justo Moret, Maik Müller, Will Sky und der Frank Nimsgern Group, die in einer Gemeinschaftsbestleistung zum Erfolg des Abends und des Musicals beitragen.

Weitere 20 Aufführungstermine für 2008
Informationen www.theater.bonn.de
Foto: Thilo Beu

veröffentlicht von am 28. Dez 2007. gespeichert unter Sonstige, Sub-/Jugendkultur. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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