Eine etwas andere Unterrichtsstunde





CELLE. Der Moment, als Morina von der Schulbank weg verhaftet wurde, veränderte sein Leben bis heute. „Ich war damals ein bisschen älter als Ihr jetzt seid“, erklärte er den Klassen 10F und 10L2, den Klassenlehrern Maren Kranz und Uwe Winnacker sowie Schulleiter Johannes Habekost. Die Unterdrückung durch die kommunistischen Parteien und den Nationalismus machten ihn und sein politisches Engagement im Kosovo zur Zielscheibe. Schließlich blieb Morina und seiner Ehefrau nur die Flucht durch Europa. In Celle wurden sie aufgenommen.

Schon als Kind faszinierte Bekim Morina die Dichtung, die in der albanischen Kultur eine weit größere Rolle spielt als etwa in Deutschland. Den Austausch mit anderen Literaten und seinen Freunden – „viele sind im Krieg geblieben“ – vermisste der Autor und machte dies im Gedicht „Im alten Nest“ deutlich: „Jung waren wir, viele Freunde und laut; jetzt ist`s still und ich bin verdammt alt.“ In einer zugewiesenen Wohnung auf dem Land kam das Paar zur Ruhe, war aber auch isoliert. Der Kontakt zu Oskar Ansull, zustande gekommen über einen Celler Journalisten, eröffnete neue Möglichkeiten. Der Schriftsteller verhalf Morina zu einem Stipendium der RWLE Möller Stiftung: „Man kann ganz lebendig sein, aber man fühlt sich wie lebendig begraben“, beschrieb Ansull den Jugendlichen die damalige Lage des Ehepaares. Während Morina mit Büchern aus der Bibliothek Deutsch lernte, arbeitete er gemeinsam mit Ansull an den Übersetzungen der Gedichte, für die der Dichter von den beiden Klassen spontanen Applaus erhielt. Die Schülerinnen und Schüler interessierten sich auch für die aktuellen Lebensumstände der Familie. Ein Zurück in die Heimat gebe es nicht mehr, so Morina. „Das ist zu gefährlich.“

Auch wenn sein Aufenthalt noch nicht dauerhaft geklärt sei, auch wenn Bekim Morina, früher jahrgangsbester Uni-Absolvent, jetzt nicht als Universitätsdozent arbeiten könne, weil sein Abschluss in Deutschland nicht anerkannt werde: „Es entwickelt sich Zukunftsdenken“ erklärt Oskar Ansull. „Als ich Bekim und seine Frau kennen lernte, wollten sie keine Kinder.“ Morina erläutert seine damaligen Ängste: „Ich habe erlebt, vollkommen machtlos zu sein, im Gefängnis und in der Folter. Machtlos zu sein und die eigenen Kinder nicht schützen können, ist das Schlimmste, was es gibt.“ Nun hat das Ehepaar zwei Töchter.

Serpil Klukon, Leiterin des städtischen Referats Integration, das das Bundesprogramm in Celle federführend betreut: „Dies ist eine Geschichte, die von Verfolgung und Flucht, aber auch von Ankommen und Teilhabe handelt. Die Familie lebt in der Mitte unserer Gesellschaft, Herr Morina ist Mitglied des Integrationsausschusses und wirkt mit an den demokratischen Strukturen in der Stadt Celle.“ Ihr Appell: „Wir brauchen Menschen wie jene, denen Bekim Morina begegnet ist; die hinschauen und eine Lösung suchen.“

veröffentlicht von am 8. Nov 2013. gespeichert unter Literatur, Sonstige. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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