Dimitri Schostakowitsch MOSKAU, TSCHERJOMUSKI, Flop im MiR Gelsenkirchen





Ein Opernchor mit passgenauen Einsätzen in äußerster Spielfreude, ebenso die der Vorlage ausgezeichnet entsprechende Besetzung der Neuen Philharmonie Westfalen, die unter der Leitung von Stefan Malzew kraftvoll pointiert zu Gehör kommen, ohne der bestehenden Gefahr von Bierzelt-Atmosphäre zu erliegen und die Sänger*innen mit ihren wohligen Operettenstimmen überzeugen in der vergangenen Premiere von Dimitri Schostakowitschs MOSKAU, TSCHERJOMUSKI. Das sind die wahren Stars des Abends.

Grund zu vielseitigem Bedauern.
Wenn der norwegische Opernregisseur Stefan Herheim in Graz die Oper Carmen zersägt, dann hat sich ein Könner ans Werk gemacht. Wenn der deutsch-französische Schauspieler Dominique Horwitz desgleichen an Tscherjomuschki versucht, dann ist das Stück offensichtlich der Stümperei zum Opfer gefallen.

„Ich wollte wie Schostakowitsch eine Gesellschaftskritik machen, und der Original-Plot schien uns nicht mehr zeitgemäß. Deshalb haben wir uns für eine andere Geschichte entschieden, die aber nicht weniger satirisch ist, nicht minder sarkastisch oder fast zynisch ist. Das Ganze ist ja eine Polit-Satire, eine Gesellschafts-Satire. Wir haben uns orientiert an Aldous Huxleys –Schöne Neue Welt–, das war unser inhaltlicher Strang der Geschichte“, so tönt Regisseur Dominique Horwitz vollmundig durchs Radio (3. April 2018, BR-KLASSIK). Dafür opfert er den gesamten ersten Teil einer inhaltslosen Langeweile, anstatt die verschiedenen Stränge und Personen dem Publikum vorzustellen.

DIE brandaktuelle Parallele zur Schostakowitsch-Vorlage, die Situation auf dem bundesdeutschen Wohnungsmarkt, wird hier bewusst außen vorgelassen. Unterdrückung, Ausbeutung 2018 durch Leiharbeitsfirmen in Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Amazon und Galerie Kaufhof, sowie deren Betrügereien an Arbeitnehmern, die zu ängstlich sind, sich gegen diese Übermacht zur Wehr zu setzen, werden nicht aufgegriffen, obwohl die Inszenierung in einem Fabrik-Packstation-Ambiente aufschlägt. Stattdessen fabuliert Horwitz im BR, er habe das Stück als Immobilien-Schwank fad gefunden.

Fad mag man wohl eher nennen, wenn immer dann, wenn es etwas schwieriger wird darzustellen, die Inszenierung auf klassisches Laientheater setzt: Rumstehen und auf den Lautsprecher hören.

Wie mögen die Besucher diese Inszenierung empfunden haben, die nach der Pause blieben, nachdem bereits viele vor Langeweile ermüdet die Vorstellung verließen? Auch wenn Bühnen- und Kostümbildner Pascal Seibicke vorschlug, den zweiten Teil abzuwarten, man habe sich etwas ganz Besonderes einfallen lassen.

Also hieß es bleiben und durchhalten, ob jetzt wohl „eine Gesellschaftskritik (wird), die hier bei uns passt, wo der Mensch in der Gesellschaft zufrieden gestellt wird oder sich selbst zufrieden stellt. Wo wir vermeintlich meinen, es läuft doch alles gut, und wo das Individuum an Bedeutung verliert, bis man gar keine Individualität mehr hat und wo die auch nicht mehr gefragt wird. (Horwitz im BR, s.o.)“ Und genau das wird und bleibt über mehr als zwei Stunden. Dieser kleine, abstrakte Aspekt, leider nirgendwo fest gemacht, schleicht einsam durch die Inszenierung.

Wenn man das Stück in eine russische Fabrik verlegt, hätte etwas Hochaktuelles herauskommen können. Bedauerlicherweise hat Dominique Horwitz diese Chance restlos vertan. Von der Idee Schostakowitschs, der sich 1959 mit dieser Operette aus dem politischen Versteck während der sog. „Tauzeit“ unter Chruschtschow hervorwagte, bleibt restlos nichts mehr übrig:

Sämtlich unterbleiben optische Aspekte aus denen Tscherjomuschki als sozialistisches Vorzeigeprojekt zur Echtsatire eines modernen russischen (und auch westlichen) Wohnungsbaus mutierte, zu denen der Komponist mit seiner eingängigen Musik und den Texten von Wladimir S. Mass und Michail A. Tscherwinsk satirisch punktgenau zu Polit-Propaganda, Pfusch am Bau und Korruption Stellung nimmt und den Attitüden von Vorgesetzten und Funktionären und vor allem dem Faktor Neid musikalisch und textlich Ausdruck verleiht. Dieser Drastik damaliger und heutiger Zustände fühlt sich die Inszenierung bedauerlicher Weise nicht verpflichtet.
Auch erinnert der Ausverkauf von Farben und Licht unter ständiger Nutzung der gesamten Bühnenbreite im zweiten Teil der Operetten-Revue eher an Lloyd-Webbers „Mascarade“ im „Phantom der Oper“ als an Satire.

Dabei haben die Bearbeitung von Gerard McBurney und die Inszenierung von David Pountney (Oper Leeds) ideenreich und rasant 2009 zu den Bregenzer Festspielen vorgemacht, wie es geht. Damals freute man sich bei der deutschen Übertragung der englischen Pountney Bearbeitung durch Lothar Nickel auf eine deutsche Aufführung in dieser Version. Stattdessen bedient man sich in Gelsenkirchen der deutschen Textfassung von Ulrike Patow, die schon 2012 der Berliner Staatsoperninszenierung den drögen Beigeschmack verlieh.

Mit MOSKAU, TSCHERJOMUSK hat man sich in Gelsenkirchen keinen Selbstläufer vorgenommen. Fazit: umso gewichtiger zählt die Inszenierung. Wunderbare Sänger*innen, die das Operettenhandwerk verstehen, ebenso qualitätvoll der Chor. Dazu kommt ein ausgezeichnetes Orchester. Die vorhandene Substanz des Hauses wurde leider jedoch einfältiger Langeweile geopfert.
Ein bekannter Schauspieler ist kein Garant für gute Regie. Dimitri Schostakowitschs MOSKAU, TSCHERJOMUSKI ist in Gelsenkirchen von Dominique Horwitz gegen die Wand philosophaselt worden.

Weitere Infos und Termine unter
https://musiktheater-im-revier.de/de/performance/2017-18/moskau-tscherjomuschki/

veröffentlicht von am 3. Apr 2018. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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