Die Rhetorik der Verschwörungstheoretiker:innen am Beispiel des Coronavirus 2020





1. Die Ansteckungsgefahr von Verschwörungstheorien

Aktuell hat die Verbreitung von Verschwörungstheorien zum Thema Coronavirus bereits die Verbreitung des eigentlichen Virus überholt. Weltweit sind zehntausende Menschen vom Fehlglauben betroffen, es handle sich um eine geplante und zielgerichtete Verbreitung der Viren. Dieser Irrglaube kann so ansteckend sein wie ein Gähnen (laut aktueller Studien lassen wir uns vom Gähnen im Familien- und Freundeskreis am schnellsten anstecken). Diese rasche Verbreitung von Verschwörungstheorien in Bezug auf Corona war für Sprachforscher:innen absehbar: Das Phänomen trägt eine Reihe elementarer Bestandteile in sich, die eine weltweit fruchtbare Basis für Verschwörungstheorien bieten.
Doch zurück zum Anfang: Wie entstehen Verschwörungstheorien? Das geschieht, wenn wissenschaftliche Fakten mit Behauptungen und Stereotypen vermischt werden. Auf dieser Basis wird gezielt irrationales Misstrauen gegenüber bestimmter Gruppierungen aufgebaut, welches zu dem festen Glauben heranwächst, die „gegnerische“ Gruppe hätte sich verschworen, der eigenen Gruppe zu schaden. Es werden also ernste Absichten unterstellt, die angeblich heimlich verfolgt werden. Ausgehend von der Annahme, dass Verschwörungstheorien insbesondere durch sprachliche Mittel gesellschaftlich legitimiert werden, spielt die Rhetorik hier eine entscheidende Rolle. Deshalb möchten wir im Folgenden nicht über einen möglichen Wahrheitsgehalt unterschiedlicher Theorien diskutieren, sondern die rhetorischen und sprachlichen Mittel analysieren, welche von Verschwörungstheoretiker:innen genutzt werden, um ihre Ideologie überzeugend darzustellen. Dabei werden bestimmte Formulierungen ebenso eine Rolle spielen, wie Argumentationsstrategien und rhetorische Stilmittel.
Verschwörungstheorien können durchaus unterhaltsame Gedankenexperimente sein: Sie veranschaulichen die vermeintliche Absurdität der gegnerischen Argumente und stellen die Glaubwürdigkeit der gegnerischen Oratorinstanz, sowie die Glaubhaftigkeit ihrer Thesen und Fakten auf den Prüfstand.
Zunächst ein kurzer Überblick, über aktuell kursierende Verschwörungstheorien rund um das Coronavirus:
Die Impfstoff-Verschwörung: Das Coronavirus wurde im Labor entwickelt, patentiert und bewusst weltweit verbreitet, um teure Impfstoffe zu verkaufen.
Die Biowaffen-Verschwörung: Tierische und menschliche Coronaviren wurden gezielt gentechnisch verändert, um mutierende Viren zu erzeugen, die als biologische Waffe eingesetzt werden sollen.
Die 5G-Verschwörung: Das Coronavirus wird durch Handystrahlung ausgelöst: Wuhan hatte als eine der ersten Städte weltweit 5G-Internet, weshalb viele Anhänger:innen der Theorie 5G inzwischen als militärische Waffe bezeichnen.
Die Gates-Verschwörung: Bill Gates profitiert direkt vom Corona-Ausbruch, da seine Stiftung das Pirbright-Institut unterstützt, welches Patente am Coronavirus besitzen soll.
Die Universums-Verschwörung: Die Das Corona-Virus sei eine kollektive Bestrafung der Erdbevölkerung durch einen Gott oder eine überirdische Gruppierung.
Die mediale Verschwörung: Die Corona-Pandemie kommt einer normalen Grippewelle gleich. Die Medien nutzen dieses Thema zur Ablenkung von geheimen politischen Machenschaften.

2. Begriffsanalyse “Verschwörungstheorie”

Verschwörungstheorien gelten als Versuch, gesellschaftliche Zustände, Ereignisse oder Entwicklungen durch alternative Lösungen zu erklären, die von ihren Anhängern und Anhängerinnen zielgerichtet und konspirativ verbreitet werden. Der Begriff „Verschwörungstheorie“ wird häufig synonym mit „Verschwörungsideologie“ genutzt: Sowohl bei Theorien als auch bei Ideologien versuchen die Anhänger:innen ihre subjektive Sichtweise sprachlich gegen kritische Revisionen zu immunisieren. Verschwörungstheorien existieren bereits seit der Antike und sind damit genauso alt wie die Rhetorik selbst. Dabei werden nicht nur Theorien von der Bevölkerung gegen die Regierung entwickelt, sondern auch von Regierungen gegen Oppositionen (z.B. die Theorien zu den Anschlägen des 11. September 2001 zur Legitimierung des Irakkriegs seitens der US-Regierung).
Rein sprachlich betrachtet, handelt es sich bei dem Begriff „Verschwörungstheorie“ um eine Kombination aus einem Grundwort (Theorie) und einem Bestimmungswort (Verschwörung). Der Duden sagt dazu:
Theorie: a) System wissenschaftlich begründeter Aussagen zur Erklärung bestimmter Tatsachen oder Erscheinungen und der ihnen zugrunde liegenden Gesetzlichkeiten b) Lehre über die allgemeinen Begriffe, Gesetze, Prinzipien eines bestimmten Bereichs der Wissenschaft, Kunst, Technik a) rein begriffliche, abstrakte [nicht praxisorientierte oder -bezogene] Betrachtung[sweise], Erfassung von etwas b) wirklichkeitsfremde Vorstellung; bloße Vermutung
Verschwörung: gemeinsame Planung eines Unternehmens gegen jemanden oder etwas (besonders gegen die staatliche Ordnung)
Wir sprechen also von einer wirklichkeitsfremden Vermutung bezüglich der gemeinsamen Planung eines Vorhabens gegen jemanden oder etwas. Diese Definition erweitern wir um die folgenden drei Faktoren:
Die Theorie behandelt gesellschaftliche Zustände, Ereignisse oder Entwicklungen, die augenscheinlich auf ein bestimmtes Ziel ausgerichtet sind.
Die Theorie steht im klaren Kontrast zu allgemein anerkannten Wahrheiten, wie im Fall der Theorie zur gefälschten Mondlandung.
Die Theorie wird von ihren Anhänger:innen als illegal oder illegitim wahrgenommen, womit die allgemeine Unwissenheit in der Gesellschaft begründet werden kann.

3. Wann entsteht rhetorisch fruchtbarer Boden für Verschwörungstheorien?

Diese Frage wird von der Forschung unterschiedlich beantwortet. Faktoren, die die Entstehung von Verschwörungstheorien begünstigen, seien beispielsweise gesellschaftliche Krisensituationen und allgemein unaufgeklärte Denkweisen. Psycholog:innen ordnen den Glauben an Verschwörungsideologien als eine meist eingeschränkte Form von Paranoia ein, die in diesem Ausmaß allerdings nicht als Geisteskrankheit betrachtet wird.
Den Hauptgrund für das Entstehen von Verschwörungstheorien sieht die Wissenschaft – wie so oft – in der Komplexitätsreduktion: Unser Alltag im 21. Jahrhundert kann anstrengend und überfordernd sein, wie bereits der Alltag in der Antike für die damalige Bevölkerung. Zwar sehen wir uns heute gänzlich anderen Herausforderungen ausgesetzt, doch spielen die Umstände für den Drang des menschlichen Hirns, Komplexität zu reduzieren, keine Rolle: Wir möchten daran glauben, dass die Realität erklärbar und durchschaubar ist. Rütteln Krisensituationen an diesem Glauben, da wir im Moment der Krise kognitiv nicht dazu in der Lage sind, deren wahre Gründe nachzuvollziehen, entwickelt das menschliche Gehirn eigene oftmals irrationale Projektionen und Theorien.
Da sich die Rhetorik bereits seit vielen Jahrhunderten mit Phänomenen wie der Komplexitätsreduktion, Dramatisierung und Emotionalisierung zu Persuasionszwecken beschäftigt, eignen sich auch bei den heutigen Theorien rhetorische Werkzeuge bestens, um die Strategien der Verschwörungstheoretiker:innen zu beleuchten.

4. Rhetorische Analyse von “Dr. Rolf Kron spricht Klartext – Der Corona Virus ist ein Schwindel mit System!”

Es folgen transkribierte Original-Ausschnitte aus dem Interview mit Dr. Rolf Kron (Privatarzt, Homöopath und Impfgegner), veröffentlicht am 10.03.2020 von „about facts & truth“. Abrufbar unter: https://youtu.be/8LlHFDhejKU [Stand: 12.03.2020]
„Man zählt nicht die momentan Erkrankten. […] Die zählen also alle Erkrankten, die jetzt seit Beginn aufgetreten sind. Und es hört sich ja viel dramatischer an, wenn man sagt in Deutschland sind 3000 Menschen erkrankt, als wenn man sagen würde momentan sind vielleicht nur zwölf Menschen erkrankt und einer davon liegt im Krankenhaus.“ […] „Und wenn jetzt jemand gesundet von diesem Corona, fällt der dann raus aus dieser-?“ – „Nein, der Counter läuft weiter! Da wird also die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzt: Was, wir haben schon 3000 Erkrankungen, schon 4000 Erkrankungen, dass davon 90% schon lange wieder gesund sind, das wird ja gar nicht erwähnt!“ – „Aber warum wird man da so verschaukelt?“ – „Weil es immer gut ist, die Massen in Angst und Schrecken zu versetzen und du siehst ja wie man mit einfachen Medienberichten die Leute dermaßen in Angst und Schrecken versetzen kann, nicht, da interviewst du halt irgendeinen Kebap-Döner-Besitzer und der sagt: Ja, ich habe keine Kunden mehr, ich musste mein ganzes Fleisch wegschmeißen, nicht, dann wird eine Straße gefilmt, wo keine Menschenseele mehr ist […] wie bei „Spiel mir das Lied vom Tod“. Also das ist alles inszeniert und gemacht, die werden uns immer in Angst und Schrecken versetzen, es ist wirklich wie „Resident Evil“ live. Und das ist so traurig, dass wir Ärzte eigentlich gar nichts dagegen unternehmen können. […] Eigentlich wäre es jetzt an uns Medizinern, da jetzt mal wirklich Klartext zu sprechen und zu sagen, was wirklich Sache ist. […] Wir haben ja jetzt gar nichts anderes mehr, alle Welt denkt nur noch an Cronona (O-Ton von Dr. Rolf Kron – vermutlich wollte er Corona sagen (Anm. d. Red.)), an gar nichts anderes mehr.“

Dr. Rolf Kron versucht sich zum Einstieg an einer Relativierung der aktuellen Informationen zum Coronavirus, indem er die Auswertungsmethoden und Analyseverfahren in Frage stellt: Er inszeniert die Tatsache, dass wieder gesundete Patienten nicht aus der Statistik genommen werden, als strategische und zielgerichtete Maßnahme, um der Bevölkerung zu schaden und sie zu „verschaukeln“.
Mittels anschaulicher Beschreibungen webt Kron lebensweltliche Anknüpfungspunkte für die Zielgruppe in seine Argumentation ein.
Mit Formulierungen wie „Klartext sprechen“, „sagen, was wirklich Sache ist“ verwendet er sog. Entlarvungsvokabular, welches auf die Zielgruppe anziehend wirkt.
Kron betont mit „wir Ärzte“ und „uns Medizinern“ den eigenen Expertenstatus, um seine Argumentation mit der allgemein anerkannten Autorität von Mediziner:innen zu stärken.

„Angst und Schrecken schwächt das Immunsystem. […] Das nennt man Psychoimmunologie und das was jetzt gerade auf dieser Welt stattfindet, das ist richtig immunpathologisch, weil es eben durch dieses Angst und Schrecken, in das man die Leute versetzt, einfach schon von Haus aus krank macht. […] Wir werden unentwegt verarscht, möchte ich fast sagen, der Virus ist der Schuldige und da sind wir jetzt bei der Theorie: Viren machen uns krank. Das ist eine ganz spannende Sache, die muss man mal hinterfragen. Wo kommt diese Theorie eigentlich her, dass der Keim der Schuldige ist, der uns krank macht? […] Wenn der Virus, das Bakterium, die Ursache für Krankheiten wäre, dann wären doch genau die Ärzte als allererste Berufspopulation ausgestorben.“
Die repetitive Verwendung der phraseologischen Nominalverbindung „Angst und Schrecken“ dient hier der Dramatisierung und Emotionalisierung, obgleich Kron zu Beginn vor einer Überdramatisierung warnte.
Kron versucht Zweifel an der allgemein anerkannten Wahrheit, dass Keime die Erreger von Krankheiten sind, zu sähen („Wenn der Virus die Ursache wäre…“). Dieses argumentum ad iudicium beruft sich scheinbar auf den gesunden Menschenverstand, wird jedoch von Kron nicht weiter ausgeführt.

„Kann ich mich dagegen impfen lassen?“ – „Ja, wir sind da ja bei, also nicht wir, sondern die Pharmafirma, sonst hätte man diesen Hype auch gar nicht ausgerufen. Die sind dabei eine Coronavirus-Impfung zu entwickeln und jetzt fließen richtig, richtig viele staatliche Gelder. Wohin? In die Entwicklung, also sprich in die Kassen der Pharmaindustrie. Und die haben am Ende ihren Spaß. Das ist genau wie mit der Schweinegrippe wieder. Es wird ein Impfstoff gefordert, diesmal waren die Chinesen nur zwei Monate zu früh dran mit ihrer Geschichte oder mit ihrer Impfstoffproduktion zwei Monate zu spät dran. Jetzt stell dir vor, die Impfung würde jetzt schon fertig sein, was das für ein Multimilliardengeschäft wäre. Deswegen sind die jetzt im Druck.“
Gegen Ende des Interviews meidet Kron die Bezeichnungen „Coronavirus“, „Epidemie“ und Pandemie“, spricht nur noch vom „grippalen Infekt“. Der Interviewende versucht das Gespräch möglichst ungelenk („ich weiß nicht, manche brauchen es kurz und pregnant“) zum Abschluss zu bringen. Kron schließt mit der Empfehlung zu hochdosierten Vitamin D-Präparaten und dem Versprechen eines 800-fach besseren Schutzes, ohne die Gefahren einer Überdosierung ab 100 Mikrogram pro Tag zu erwähnen.

5. Welche Sprache wird von Verschwörungstheoretiker:innen eingesetzt, um ihre Sichtweisen zu legitimieren?

Wie sooft finden sich in den YouTube-Kommentaren unter entsprechenden Videos zahlreiche Beispiele für unser gesuchtes sprachliches Phänomen. Vorsicht, unkorrigierte Original-Zitate:

„Coronavirus ist eine Lüge ! In der Stadt Wuhan wird die 5G . ausprobiert !!! Nur durch die Mikrowellen-Frequenz können die Menschen umfallen und nicht vom Virus. Weil unsere Organe kommunizieren mit einander durch Mikrowellen . Wird das unterbrochen durch 5G. Fällt der Mensch um ! Und wenn Ihr nicht glaubt forscht selbst nach !!!“
„Die Vermutung liegt nahe, das es schon wieder etwas gut bewährtes und „hausgemachtes“ ist. Forscher haben so lange an Tieren geforscht, bis die etwas fanden, was auch für Menschen gefährlich sein kann. Schon winkt das grosse Geschäft. Immer neue VIren herzustellen um Impfstoffe zu verkaufen.- Forschung nach wirkungsvollen Antibiotika, das ist schon sowas von abgelutscht, wer will schon danach forschen???“
„Ich habe den Virus und ich bin mir sicher es wurde jetzt extra auf uns losgelassen weil wir zu viele auf der Erde sind .“
„Die Vergangenheit hat schon gezeigt, dass der „dumme Mensch“ sich leicht ablenken lässt. Einfach die Menschen durch einen Virus oder andere mögliche Gefahren in Panik versetzen und du kannst wunderbar von deutlich schlimmeren Dingen ablenken oder ordentlich Profit aus der Dummheit des Menschen herausholen“
„Jetzt noch ein wenig abwarten, bis genug kranke zu behandeln sind und dann kommt die Pharmaindustrie mit einem Medikament auf den Markt und die Umsätze für dieses Jahr sind wieder gesichert.“

Häufig verwendete sprachliche Mittel in verschwörungstheoretischen Aussagen zum Coronavirus:
Relativierendes Vokabular: sogenannt, vermeintlich, vermutlich, angeblich
Bestärkende Formulierungen: sicher, eindeutig, klar, mit Sicherheit, faktisch
Entlarvungsvokabular: Klartext sprechen, endlich sagen, was Sache ist, die Wahrheit erkennen
Negationen: keine Epidemie, keine Pandemie
Neologismen und Dysphemismen: Lügenpresse, Staatsterrorismus, Volksverdummung, Volkshetze, Seuchenerfinder, Killervirus, Monstervirus, Geisterstädte, Seuchenfaust, Spahn-Gruß
Phraseme: es stinkt zum Himmel, wird unter den Teppich gekehrt, die Hände im Spiel
Metaphern: Marionetten, hinters Licht führen, wir hier unten, die da oben

6. Der richtige Umgang mit Verschwörungstheorien im Internet

Häufig ist es aussichtslos, in Facebook- oder YouTube-Kommentaren mit Anhänger:innen von Verschwörungstheorien zu diskutieren oder ihnen gar zu widersprechen. Denn wer widerspricht, wird für die Anhänger:innen automatisch zum Teil der Verschwörung. Wichtig ist es jedoch, Verschwörungstheorien anhand der verwendeten Lexik und Rhetorik als solche zu identifizieren. Damit rückt die Bedeutung einer allgemeingesellschaftlichen sprachlichen und kommunikativen Aufklärung in den Fokus unserer Bemühungen: Wir sind der Meinung, dass die einschlägige Sprache von Verschwörungstheoretiker:innen nicht unreflektiert in unseren alltäglichen Sprachgebrauch integriert werden sollte. Denn: Sprache schafft Wirklichkeit.

veröffentlicht von am 13. Mrz 2020. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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