„DER STANDARD“-Kommentar: „Romney ruft die Enttäuschten“ von Christoph Prantner





Es gibt zwei wichtige Messpunkte, die über den
Verlauf eines US-Präsidentschaftswahlkampfes Auskunft geben: die
Reden der Kandidaten auf den Nominierungsparteitagen und ihr erstes
Duell vor Millionen von Fernsehzuschauern.

Mitt Romney hat seinen ersten Test ganz passabel bestanden. Er
hielt eine alles in allem gute Rede. Sie war angenehm im Ton und dazu
hinreichend vage, um Wähler, die auch bei Inhalten aufhorchen, nicht
zu verstören. Dabei wirkte der republikanische
Präsidentschaftskandidat emotionaler und weniger mechanisch als
üblich. „Robo-Romneys“ Vorgabe war, sich – als Mensch – zu
präsentieren und Präsident Barack Obama abzuqualifizieren. Das ist
ihm gelungen. Nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

All jene, die sich sachpolitische Einlassungen oder gar den „real
Romney“, den echten Menschen hinter all den antrainierten Gesten und
Sätzen erwartet hatten, mussten sich mit wenig zufriedengeben. Aber
um Programmatik oder Bekenntnisse ging es in Tampa auch gar nicht.
Romney musste vielmehr den heiligen Eifer der Republikaner befeuern,
mit dem diese den Präsidenten ablehnen. Und er wollte jene
enttäuschten Amerikaner auf seine Seite ziehen, die sich vom
Hoffnungsträger Barack Obama im Stich gelassen fühlen.

Ob er mit Letzterem Erfolg haben wird, muss sich erst weisen –
zumal Obama, den einige Beobachter ebenso zu den Gewinnern des
republikanischen Parteitages zählen, kommende Woche Gelegenheit hat,
seine Bilanz gewohnt wortgewandt zu verteidigen.

Von Romneys Rede wird dann nur noch wenig im Gedächtnis der Wähler
hängengeblieben sein. Die Episode, mit der man diesen Parteitag
assoziieren wird, wird eher jener merkwürdige Auftritt Clint
Eastwoods sein (siehe Kopf des Tages), der zumindest unbeteiligte
Beobachter einigermaßen ratlos hinterließ. Aber daraus sollte
dennoch niemand schließen, dass es für Obama in den zehn letzten
Wochen des Wahlkampfes einfach werden wird. Romney ist ein schwerer
Gegner, eben weil er so unbestimmt und glatt ist, weil er oft
konträre Positionen eingenommen hat und weil ihm viele Amerikaner
das vage Versprechen abnehmen, dass ihr Land so einzigartig sei und
Besseres verdiene als Krise und Abstieg.

Die Hypothek auf der Kandidatur des Geschäftsmannes ist die
rabiate Rechte, der er sich auf Gedeih und Verderb verschrieben hat.
Hier werden Obamas Leute ansetzen und einen Wahlkampf führen, wie ihn
sonst meistens die Republikaner vorexerziert haben: Es wird um Werte
gehen, um Furcht vor rabiaten Freaks, die Abtreibungen verbieten
wollen, Reiche weniger besteuern und das Land generell ins 18.
Jahrhundert zurückführen.

Bei Obama wird das geneigte Publikum in der kommenden Woche
deshalb viel mehr über Sachpolitik zu hören bekommen – und wie diese
in den vergangenen vier Jahren von den Republikanern im Kongress
gnadenlos torpediert worden ist. Ob das für eine Wiederwahl reicht,
steht ebenso in den Sternen, wie Romneys Appeal für die Ernüchterten
aus der Obama-Koalition von 2008.

Viele Analysten glauben, dass es auch diesmal so laufen könnte wie
bei der ersten Wahl George W. Bushs. Damals entschieden wenige
Stimmen in Florida. Obama gewann den Bundesstaat 2008 mit etwas mehr
als 200.000 Stimmen. Das ist verdammt wenig Vorsprung – auch wenn
Romney weiter nur passabler Kandidat bleibt.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449/aom

veröffentlicht von am 31. Aug 2012. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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