„DER STANDARD“-Kommentar: „Ein Appell als Verzweiflungsakt“ von Michael Völker





Früher war alles besser. Das sagen vor allem jene,
die noch im Früher verwurzelt sind, die das Früher selbst erlebt
haben. Das sagen aber auch viele Jüngere. Weil sie es von den Älteren
so hören und weil sie selbst Zeugen eines unbefriedigenden
Ist-Zustands sind. Auf die Politik umgelegt: Wer das jetzt hautnah
miterlebt, muss zwangsweise zur Ansicht geraten: Früher war alles
besser.
Diese Verklärung der Vergangenheit ist in ihrer Verallgemeinerung
natürlich ein Unsinn. Früher war beileibe nicht alles besser. Nicht
einmal in der Politik. Freunderlwirtschaft und Korruption gab es
immer schon, damals noch viel dreister als heute, weil man das halt
so gewohnt war. Die zunehmende Sensibilität, dass halt doch nicht
alles geht, kam erst auf, als Jörg Haider die Aufteilung der Republik
in rote und schwarze Beute anprangerte – ehe die FPÖ selbst
Bestandteil des Systems wurde und sich nicht weniger schamlos am
Eigentum anderer bediente. Auch den Grünen kommt eine wesentliche
Rolle bei der Erziehung der Republik zu. Was geht, was nicht, da
haben die Grünen mit scharfer Opposition das politische
Selbstverständnis maßgeblich beeinflusst.
Aber selbst die relativ frischen Grünen haben schon ihre Politiker
von früher, die vom Balkon hereinkeppeln. Eine Freda Meissner-Blau
etwa, die nichts von ihrem Idealismus aufgegeben hat, oder einen
Johannes Voggenhuber, einen brillanter Analytiker, der ins Ausgedinge
gedrängt wurde.
Früher, das ist eine Anschauungssache, eine Frage des Standpunkts.
Gilt Wolfgang Schüssel schon als früher? Sind das Franz Vranitzky und
Erhard Busek? Oder ist es erst der gänzlich verklärte Bruno Kreisky?
Da wird jeder seinen weltanschaulichen und zeitenabmessenden Pflock
an einer anderen Stelle einschlagen.
Über das Führungspersonal ist immer schon geschimpft worden, damals
wie heute. Werner Faymann und Michael Spindelegger. Wer mag die
beiden loben? Auch nur einen davon? Es ist natürlich nicht das
entscheidende politische Kriterium, aber vom Unterhaltungswert her
sind die beiden Versager: Langeweiler, aalglatt, Verbreiter heißer
Luft. Nüchtern betrachtet: Beide sind Pragmatiker, orientieren sich
am Machbaren, noch mehr vielleicht an dem, was gefallen könnte. Mutig
sind beide nicht. Sie machen, was notwendig ist, sie machen, was
möglich ist, immer mit einem Blick auf die Meinungsumfragen, der
Kanzler mit permanentem Schielen auf den Boulevard. Dass sie etwas zu
sagen hätten, nimmt man ihnen nicht ab.
Diese Anspruchslosigkeit frustriert die Menschen, die gescheiten und
die weniger interessierten, die engagierten und erst recht die
resignativen. Das sind keine Politiker, zu denen man aufblickt, bei
denen man Achtung empfindet, nicht einmal Vertrauen.
Daher scheint das Wort eines Franz Vranitzky, eines Heinrich Neisser,
eines Erhard Busek oder eben eines Hannes Androsch umso schwerer zu
wiegen. Die haben es aber auch leichter: Sie sind in keinen Zwängen
mehr gefangen, sie müssen keine Rücksicht nehmen, sie müssen nichts
umsetzen. Sie können das Schwierige fordern. Eine Bildungsreform
etwa. Nicht dass die automatisch kommt, wenn man das Volksbegehren
unterschreibt. Aber Faymann und Spindelegger sollen ruhig wissen,
dass das vielen Leuten wichtig ist, wichtiger, als sie annehmen. Es
ist ja fast ein Verzweiflungsakt, ein Appell an die Regierenden:
Rührt euch, traut euch, seid mutig – und tut endlich was!

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/449/aom

veröffentlicht von am 2. Nov 2011. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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