DER STANDARD-KOMMENTAR “Die Demontage der Wiener Börse” von Andreas Schnauder





Mit der Uniqa wagt wieder einmal ein Unternehmen
einen größeren Schritt an der Wiener Börse. Derartige Ereignisse
haben am Aktienmarkt Seltenheitswert, weshalb schon die Ankündigung
der Kapitalerhöhung durch ein bereits gelistetes Unternehmen für
große Freude sorgt. Das zeigt, wie tief die Latte am heimischen
Finanzplatz liegt. Derartige Zustände kann man in Zeiten des
allgemeinen Finanzmarkt-Bashings natürlich mit Achselzucken zur
Kenntnis nehmen. Angemessener wäre es, die Situation angesichts der
hohen Bankenabhängigkeit der Unternehmen und der Verschärfungen bei
der Kreditvergabe als gefährliche Entwicklung für den Standort zu
sehen. Ein funktionierender Kapitalmarkt wäre nicht nur für die
Expansion der Betriebe eine geeignete Geldquelle, eine Börsennotiz
kann auch Probleme mit heiklen Eigentümerstrukturen – etwa im Falle
uneiniger Gesellschafter – oder bei Betriebsübergaben lösen. Eine
aufgepäppelte Wiener Börse wäre zudem bei weiteren Privatisierungen
hilfreich, denn ohne ausreichende Aufnahmekapazitäten bleiben fast
nur internationale Übernahmeinteressenten als potenzielle Aktionäre.
Trotz der großen Defizite am heimischen Kapitalmarkt findet das Thema
erstaunlich wenig Resonanz im Wahlkampf. Das mag aus roter Sicht
konsistent sein, wäre doch eine Attraktivierung des Börsenumfelds mit
dem Thema Vermögenssteuer kaum vereinbar. Die stiefmütterliche
Behandlung der Börse durch die ÖVP, die vor geraumer Zeit noch als
Wirtschaftspartei galt, hängt wohl damit zusammen, dass sich die
latent missliche Lage des Kapitalmarktes in Perioden schwarzer
Führung des zuständigen Finanzressorts dramatisch verschlechtert hat.
Gerade die in dieser Legislaturperiode eingeführte Wertpapiersteuer
hat die dünngesäten Privatanleger weggespült. Der 25-prozentige Abzug
auf realisierte Kursgewinne mag aus Gründen der
Verteilungsgerechtigkeit goldrichtig sein, der Börse hat er den
Todesstoß versetzt. Die Umsätze mit Wiener Aktien haben sich seit dem
Start der Steuer fast halbiert – und das ausgehend von einem im
internationalen Vergleich äußerst niedrigen Niveau. Schon zuvor
griffen die Österreicher lieber zu Sparbuch und Bausparer als zur
Aktie, was nicht nur an dürftiger Kapitalmarktkultur, sondern auch an
Abzocke- und Kriminalfällen liegt, bei denen sich Kleinanleger als
leichte Beute erwiesen. Wer vertraut nach den Enthüllungen zu
Immofinanz, Meinl European Land oder Telekom noch darauf, dass sein
Geld gut investiert ist? Bei dem Bestand an Altlasten hat die an sich
gerechte Wertpapiersteuer gereicht, um der Börse den Rest zu geben.
Schon in die Kategorie putzig fallen in diesem Lichte die jüngsten
Forderungen der Volkspartei nach einer Abschaffung der
Gesellschaftssteuer, die die Eigenkapitalbildung behindert. Die
Proponenten von Plänen, deren Umsetzung in den letzten Jahren im
schwarzen Finanz- und Wirtschaftsministerium kein Thema war, sind an
Glaubwürdigkeit kaum zu unterbieten. Man könnte meinen, da plagt
jemanden nach der Ausdünnung der Börse das schlechte Gewissen,
weshalb noch rasch eine Vitaminspritze aus dem Ärmel geschüttelt
wird. Besserung ist nicht in Sicht: Mit Vermögen- und
Finanztransaktionssteuer stehen die nächsten Prestigeprojekte vor der
Tür, die allesamt ihre Berechtigung haben, aber letztlich die
Aufnahme von Eigenkapital nahezu verunmöglichen.

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Der Standard
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veröffentlicht von am 9. Sep 2013. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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