Coronavirus: Aktuelle Real Talks und Fake News rhetorisch analysiert | Dr. Wodarg, Leon Lovelock & Carmen Geiss





1. Real Talks und Fake News
2. Wann wird ein Talk zum #realtalk?
3. Rhetorische Analyse zu „Erstaunliche Einblicke in die Corona-Panik von Dr. Wolfgang Wodarg“
4. Rhetorische Analyse zu „Die CORONA Verschwörung | Wie sie uns langsam lahm legen | Wacht auf! #2020 – Leon Lovelock“
5. Carmen Geiss und die Zwiebel-Theorie
6. Was haben die Strategien von Wodarg, Lovelock und Geiss gemeinsam?

1. Real Talks und Fake News

Nachdem wir uns in der vergangenen Woche mit der Ansteckungsgefahr von Verschwörungstheorien am Beispiel von „Dr. Rolf Kron spricht Klartext – Der Coronavirus ist ein Schwindel mit System!“ auseinandergesetzt haben, tauchen wir in dieser Woche noch weiter ein, in die Welt der Corona-Fake News, Real Talks und Mindfucks – wie Leon Lovelock sagen würde. Welche Verschwörungstheorien und Falschmeldungen finden aktuell in der Gesellschaft Anklang und vor allem, welche rhetorischen und sprachlichen Mittel werden für deren Plausibilisierung und Verbreitung in den sozialen Medien genutzt? Wir betrachten im Folgenden die Strategien prominenter Anhänger:innen von Verschwörungstheorien und von Mediziner:innen, die via YouTube und Instagram ihre Theorien zum Coronavirus publizieren. Dabei soll – wie bereits im letzten Artikel – nicht der Wahrheitsgehalt der Theorien zum Coronavirus im Fokus unserer Betrachtungen stehen, sondern viel mehr die sprachliche und rhetorische Aufbereitung der einzelnen Theorien.

2. Wann wird ein Talk zum #realtalk?

Der Begriff Real Talk erfreut sich unter Influencer:innen und YouTuber:innen bereits seit längerer Zeit größter Beliebtheit: Er wird geschickt in Videotitel eingewoben, um eine Enthüllung großer Geheimnisse zu implizieren. Dass diese Erwartungen nicht immer erfüllt werden und die Verwendung des Begriffs „Real Talk“ damit in den meisten Fällen als Clickbait zu werten ist, verraten häufig bereits die Videotitel selbst: LauraJoelle: „Warum hast du ständig einen neuen Freund? – Real Talk“, TimGabel: „MONTANABLACK über Zeit als Drogenjunkie, Skanale, Casino Streams (Realtalk) & sein Antrieb (+Yapi)“, Cheasy: „Inscope21 & Tim Gabel REALTALK über „INSOLVENZ“, Adorable Caro: „Ich starb fast vor Herzschmerz… (no clickbait) | ACs Real Talk | Ep 2- Adorable Caro“, Dalia Mya: „Social Media REALTALK.. Die WAHRHEIT!!!“ und Sami Slimani: „Lernt diese Dinge, bevor es zu spät ist.. | Real Talk“.
Leider existieren bislang nur wenige stichhaltige Definitionen zum Begriff „Real Talk“, die sich ebenso wenig in einen wissenschaftlichen Rahmen integrieren lassen. Wir möchten es dennoch versuchen, mit der Erläuterung von Urban Dictionary: „[Real Talk is] a term used for talking about things that are profound or meaningful. […] Real Talk can be used in the sense to affirm what someone is saying as a true, or valid statement and that they are expressing sincere thoughts and opinions.“ Es geht also um tiefgreifende Aussagen zu bedeutungsvollen Themen. Üblich ist die Verwendung des Begriffs in Form einer externen Bestätigung bzw. als Zuschreibung einer bestimmten Qualität und Tiefe durch eine außenstehende Person. Da sich jedoch die oben gelisteten YouTuber:innen selbst diese Qualität und Tiefe zuschreiben, verliert der Begriff medial sukzessive an Ausdruckskraft.
bedeutungonline.de bezieht zudem mögliche Konsequenzen des Real Talks in die Definition mit ein: „Beim Realtalk geht es darum, dass eine Person sich so zeigt, wie sie ist – ohne Angst vor negativen Konsequenzen zu haben.“ Dieses Kriterium erfüllen alle im Folgenden genannten Beispiele, da sowohl Dr. Wolfgang Wodarg als auch Leon Lovelock und Carmen Geiss mit heftigen medialen Reaktionen bedacht wurden, mit deren Konsequenzen sie wohl noch einige Zeit zu kämpfen haben werden. So reagierte beispielsweise Rapper Bushido in einer Instagram Story auf Lovelocks Video mit den Worten „[…] Schäm dich für deine irrwitzigen, arroganten und weltfremden Äußerungen. Deine Interviews sind schon der letzte Schrott, aber dein beschränktes letztes Video ist die Kirsche auf der Torte. @leonlovelock“.

3. Rhetorische Analyse zu “Stunning insights into the Corona-Panic by Dr. Wolfgang Wodarg / Erstaunliche Einblicke in die Corona-Panik von Dr. Wolfgang Wodarg”

Es folgen transkribierte Original-Ausschnitte aus dem Video „Stunning insights into the Corona-panic by Dr. Wolfgang Wodarg“, veröffentlicht am 13.03.2020 auf dem YouTube-Kanal „OVALmedia“. Abrufbar unter: https://youtu.be/p_AyuhbnPOI [Stand: 19.03.2020]

“Ich möchte etwas erzählen…”
„Ich möchte etwas erzählen über die Coronavirus-Epidemie, die wir angeblich haben sollen. Und ich dachte erst dieser Hype geht wieder vorbei, als das losfing, aber das hat sich ja so gesteigert, dass ich denke, da muss man mal genauer drüber nachdenken. Und ich, ich war Amtsarzt, ich hab ein Gesundheitsamt geleitet, ich hab ein eigenes Sentinel gehabt, ein eigenes Monitoring-System für Grippeerkrankungen, hab jedes Jahr in meinem Bereich, das waren 150.000 Einwohner, immer beobachtet, wie viele Menschen werden krank […]“

Mit freundlichen Worten beginnt Dr. Wolfgang Wodarg seinen Vortrag, deutet mit Formulierungen wie „angeblich“ und „Hype“ jedoch bereits an, in welche Richtung seine Enthüllungen gehen werden. Auch Wodarg nutzt, wie bereits Dr. Rolf Kron, seine medizinische Ausbilung und bisherige berufliche Errungenschaften direkt zu Beginn, um seine folgende Argumentation zusätzlich zu legitimieren.

“Die Politik hängt sich aus dem Fenster.”
„[…] Da waren dann die Virologen wieder, die sagten – die Politik hat sich umgeguckt, es kam von den Virologen, also haben sie die eigenen Virologen gefragt und die meinten dann ach, das sei eine wichtige Sache, wir können da einen Test machen, wir können euch helfen, dass wir das auch wie in China dann sehen können. Also das heißt, da ist was gesponnen worden, ein Netz von Informationen, von Meinungen, hat sich entwickelt in diesen Fachkreisen und die Politik hat sich an diese Fachkreise gewandt, die damit angefangen haben. Hat sich das angezogen, dieses Netz und hat sich in diesem Netz bewegt auch. Und das hat dazu geführt, dass sie sich jetzt, die Politik sich aus dem Fenster hängt. Und diese Argumente praktisch benutzt auch, um einzuschätzen, wem geholfen werden muss, was da an Notmaßnahmen geschieht, was verboten werden muss, wer in Quarantäne muss, all diese Dinge, die sind davon abgeleitet. […]“

Nach einer ausführlichen und verhältnismäßig informativen (hier nicht transkribierten) Schilderung, wie es zur Entwicklung der Corona-Tests kam, beschreibt Wodarg das Zusammenspiel von Politik und Wissenschaft. Es sei ein Netz aus Informationen und Meinungen gesponnen worden, das sich die Politik aktiv „angezogen“ habe, um sich darin zu bewegen. Diese Personifikation kulminiert im skurrilen Bild, einer „sich aus dem Fenster häng[enden]“ Politik. Welche politischen Maßnahmen Wodarg damit versucht zu beschreiben, wird leider nicht ausgeführt.

“Der König ist nackt.”
„[…] Und das heißt, dass jetzt es ganz, ganz schwer wird, für Kritische, zu sagen „Halt, da ist aber gar nichts los!“ und das erinnert mich an das Märchen mit dem König, der eben gar keine Kleider anhatte. Und nur ein kleines Kind, das dann sagt „Der ist ja nackig!“. Das heißt die anderen, die Hofschranzen, die um die Regierung rum sind und die die Regierung um Rat fragt, weil sie selber gar keine Ahnung haben kann, sie sind ja keine Fachleute, die haben das alles mitgemacht, die haben hofiert. Und so werden jetzt auch die Politiker hofiert von vielen Wissenschaftlern. Wissenschaftler, die wichtig sein wollen in der Politik, weil sie Gelder brauchen für ihre Institute. Wissenschaftler, die dann in diesem Mainstream und die dann auch was haben wollen. Wir können auch helfen! Wir haben eine App und wir haben ein Datenprogramm, wir können das machen. Da gibt’s ganz viele, die sagen, hier wir wollen da auch helfen. Das heißt die wollen auch Geld verdienen damit, wollen wichtig werden damit. Aber da fehlt bei uns, eigentlich fehlt so diese nüchterne Betrachtungsweise, die einfach fragt, und woran habt ihr das erkannt, dass es gefährlich ist? Wie war’s denn vorher? Habt ihr das nicht letztes Jahr auch schon? Ist das überhaupt was Neues? Das fehlt. Und es ist wirklich so, der König ist nackt.„

Seine weitere Argumentation baut Wodarg auf einem Vergleich auf: Er verwendet die Coronakrise und das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ als Relata (als zu vergleichende Objekte). Dieser Vergleich soll besonders aufrüttelnd wirken, da die Lehre des Märchens (Individuen sind leicht zu beeinflussen) gesellschaftlich längst als gleichermaßen bekannt, wie anerkannt gilt. Diesen Vergleich weitet Wodarg zu einer ganzheitlichen Allegorie aus, indem er die Hofschranzen mit regierungsnahen Wissenschaftler:innen vergleicht. Die Argumentation kulminiert in dem Vorwurf, dass Wissenschaftler:innen, die sich mit dem Thema Coronavirus beschäftigen, lediglich an Geld und Ruhm interessiert seien, nicht aber an einer Verhinderung, Eindämmung oder Verlangsamung der Corona-Epidemie.

Die Interviews zur Corona-Pandemie von Dr. Wolfgang Wodarg wurden uns zur rhetorischen Analyse vorgeschlagen, da sie in diversen wissenschaftlichen Faktenchecks durchgefallen sind. Das rein rhetorische Fazit zu Wodargs Bewertung der aktuellen Corona-Situation fällt allerdings vergleichsweise milde aus: Wodarg nutzt legitime rhetorische Mittel, die in Quantität und Qualität sowohl dem Setting als auch der Zielgruppe weitestgehend angemessen sind.

4. Rhetorische Analyse von “Die CORONA Verschwörung | Wie sie uns langsam lahm legen | Wacht auf! #2020 – Leon Lovelock”

Es folgen transkribierte Original-Ausschnitte aus dem Video „Die CORONA Verschwörung | Wie sie uns langsam lahm legen | Wacht auf! #2020 – Leon Lovelock“, veröffentlicht am 15.03.2020 auf dem YouTube-Kanal „Leon Lovelock“. Abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=IBWjaQ125Js [Stand: 19.03.2020] Im Intro sowie im von ihm verfassten und gepinnten Kommentar betont Leon Lovelock die Unabhängigkeit seiner Aussagen: „Mein Kanal, Meine Plattform, Mein Recht zu sagen was ich denke und fühle !“ (Unkorrigierter Original-Kommentar).

“Es schwimmen zu viele Menschen auf dem Zug.”
„[…] Das was grade passiert das wird mir einfach zu viel, so. Das ist mir einfach viel zu viel, Digga. […] Ihr wisst, ich hab einmal ein Video gemacht über Verschwörungstheorien, Nipsey Hussle, mit Dr. Sebi etc. […] Da habt ihr schon gemerkt, dass ich jemand bin, der immer sehr viel hinterfragt und skeptisch ist, einfach skeptisch ist. Ich nenn mich nen Skeptiker so. Egal in welche Richtung. Ich bin auch ein Skeptiker bei den ganzen Verschwörungstheorien. Aber auch ein riesen Skeptiker von den Mainstream-Medien und was die uns erzählen, von der Regierung etc. Und deswegen muss ich hier einmal ganz kurz was dazu sagen, weil das was grade passiert, das wird mir zu echt. Das wird mir zu real und es ist offensichtlich, was hier grad passiert und es schwimmen mir viel zu viele Menschen auf dem Zug oder auf dem Strom mit. Es gibt viel zu wenige Leute, die mal reflektiert hinterfragen, was da grade passiert, so. Es gehen paar Sprachmemos rum, paar Stories, paar Berichte und alle rennen in die Läden rein, kaufen sich Sachen. […] Und was machen wir alle? Wir gehen mit drauf, wir propagieren mit denen zusammen. Die pflanzen in unseren Köpfen irgendwas ein und wir verbreiten das, wir teilen das. Wir reden darüber den ganzen Tag. […] Sag mal, checkt ihr nicht, dass die genau das schaffen, was sie schaffen wollen? Angstmacherei, Kontrolle, uns vorschreiben, was wir zu tun haben und was wir nicht zu tun haben, Freiheit einschränken. Versteht ihr nicht, was da grade passiert so? Die wollen genau das und es ist mir jetzt auch scheißegal, Digga, was mit meiner Reichweite passiert. Ihr könnt gerne den Xavier mit mir machen. Macht den Xavier mit mir! Sagt, ich bin verrückt, ich hab ne Psychose, was weiß ich. Aber ich werd meine Fresse an der Stelle jetzt hier nicht mehr halten so, geht nicht. […]“

Von Beginn an versucht Lovelock sein Image als „Skeptiker“ zu formen, indem er ein Video seines eigenen Kanals als Beleg anführt. Er sieht sich und seine Zuschauer:innen als „Freigeister“, die die Mainstream-Medien „reflektiert hinterfragen“. Die repetitive Verwendung des Begriffs „Skeptiker“ soll diesen Eindruck stützen. Ebenfalls repetitiv verwendet wird im gesamten Video die Anrede „Digga“. Diese direkte Hinwendung an die Adressierten dient dem Aufbau von Nähe und Bindung. Mit Nipsey Hussle, Dr. Sebi, Kollega, Kianush und Xavier Naidoo ruft Lovelock Namen auf, die seine Expertise im Bereich der Verschwörungstheorien belegen sollen. Mit der Aufforderung „Macht den Xavier mit mir!“ sonnt sich Lovelock im Schein seines Vorbildes und impliziert gleichzeitig eine gewisse inhaltliche Nähe zu den Videos von Naidoo, der erst vergangene Woche aufgrund der Publikation rassistischer und verschwörungstheoretischer Aussagen unter anderem von der Produktion von RTLs „Deutschland sucht den Superstar“ ausgeschlossen wurde.

“Nochmal: Dieser Virus ist nicht tödlich.”
„[…] Ich bin bereit für meine Freiheit zu sterben so. Und jeder von uns muss bereit dafür sein, wenn wir hier auf dieser Welt leben so. Wir lassen uns nicht einschränken. Es kann doch nicht sein, dass wir uns zuhause einsperren, wegen einem Virus, der nicht tödlich ist. Ja ne, so, das kann nicht sein. Das sind Kriegszustände, Digga. Wegen einem Virus, der nicht tödlich ist, nochmal: Dieser Virus ist nicht tödlich. Ein normaler, gesunder Mensch, kann von diesem Virus nicht sterben. Es ist Fakt. Es ist bewiesen. Hinterfragt mal die ganze Scheiße, was steckt da dahinter, was machen die grade mit uns? Was machen die grade mit uns, Digga? Alle Leute, die bis heut für verrückt erklärt wurden, wegen Agendas, wegen Theorien, die uns versucht haben Dinge zu sagen, hört diesen Menschen zu und diese Menschen sollen jetzt bitte aufstehen. Ob es ein Kollega ist, ob es ein Kianush ist, ob es ein Xavier ist, Digga. Das sind die Menschen, die ich in unmittelbarer Nähe mal getroffen hab, mit denen ich mich unterhalten hab und wo ich gemerkt hab, das sind genau diese Leute, die von draußen für verrückt erklärt werden, die noch vor dem Interview zu mir sagen, Bruder, ich kann nicht alles erzählen, sonst werden die Leute mich ficken. Die werden mich für verrückt erklären. Diese Leute müssen jetzt aufstehen und alles sagen, was sie wissen. […]“

„Ich bin bereit für meine Freiheit zu sterben.“ – Lovelock bedient sich eindrucksvoller, pathetische Bilder, die seine menschliche Größe veranschaulichen sollen. Er erweitert dieses Bild und schließt seine Zuschauer:innen ein: „Wir lassen uns nicht einschränken.“ Ergänzt wird dieses leicht forcierte Gemeinschaftsgefühl durch Imperative wie „Hinterfragt mal“ und „Hört diesen Menschen zu“. Diese Formulierungsweise lässt darauf schließen, dass Lovelock auf eine bereits bestehende Anhänger:innenschaft zählt, die durchaus bereit ist, seinen Worten Folge zu leisten. Lovelock impliziert, dass mehrere prominente Personen „die Wahrheit“ kennen, sie jedoch nicht kommunizieren dürfen, da sie mit heftiger Gegenwehr seitens „der Leute“ zu rechnen hätten. Damit ist das Kriterium der vermeintlichen Illegitimität dieser Verschwörungstheorie erfüllt.

Die vollständige Analyse zu Leon Lovelock finden Sie unter https://leonarto.de/2020/03/19/coronavirus-aktuelle-real-talks-rhetorisch-analysiert/

5. Carmen Geiss und die Corona-Zwiebel-Theorie

Im Instagram-Post von Carmen Geiss am 29. Februar 2020 geht es zur Abwechslung nicht um die Ursachen und Hintergründe des Coronavirus, sondern um eine unbekannte Heilmethode: Zwiebeln. Jedoch nicht etwa als Zwiebelsaft zur oralen Einnahme, sondern als eine Art lauchiges Schutzschild, welches seine Wirkung über die Raumluft entfalte.

Geiss titelt: „Netzfund“ und distanziert sich somit von der Urheberschaft des Textes, weist jedoch via Emoji und Videobotschaft darauf hin, dass sie die vorgetragenen Ansichten teilt. Zugegebenermaßen wird hier kein direkter Bezug zum Coronavirus hergestellt, doch kann anhand des Upload-Datums auf einen Zusammenhang geschlossen werden. Da auf Instagram lediglich Beiträge mit Bild/Video veröffentlicht werden können, zeigt sich Geiss für einige Sekunden auf einem Boot (für die Kunstfigur Geiss durchaus authentisch) mit den Worten „Hallo ihr Lieben, bitte lest das, es ist mir sehr, sehr wichtig. Ich glaube auf jeden Fall da dran.“

Der bereits bekannte Zwiebel-Kettenbrief arbeitet rhetorisch gesehen mit folgenden Mittel: Zunächst werden historische Fakten zur spanischen Grippe aufgerufen, die die Lesenden auf eine eine wahrheitsgetreue Darstellung im Folgenden hoffen lassen. Doch entfaltet sich bereits im zweiten Satz ein Narrativ, das gänzlich ohne überprüfbare Fakten auskommen muss: „Ein Arzt besuchte die vielen Bauern […]“ Dieses erzählende Element schließt mit der Erkenntnis des unbekannten Arztes, dass Zwiebeln „offensichtlich alle Bakterien“ absorbierten und allein durch die räumliche Nähe zu aufgeschnittenen Zwiebeln, eine Grippeansteckung verhindert werden könne.

Diese Geschichte, die sich vor rund 100 Jahren zugetragen haben soll, wird im Corona-Kettenbrief durch eine weitere Instanz legitimiert: Es wird ein „Freund“ eingeführt, „der mir regelmäßig Material zu Gesundheitsfragen zur Verfügung stellt“. Mit dieser Beschreibung soll eine vermeintliche Nähe zum medizinischen Fachbereich hergestellt werden, was besagtem „Freund“ eine höhere Relevanz in seiner Funktion als Social Proof zuschreiben soll. Seine Antwort auf die Zwiebelgeschichte von 1919 wird in direkter Rede zitiert, was die Authentizität und Glaubwürdigkeit der vorgebrachten Aussagen untermauern soll. Der Zitierte wiederholt die zuvor beschriebene Vorgehensweise, legt seine aufgeschnittenen Zwiebeln jedoch in ein Glas, anstatt in eine Schale (wir sind schließlich im Jahr 2020!). Glücklicherweise reagiert die Zwiebel in der Geschichte entsprechend anschaulich: „Am Morgen begann ich mich besser zu fühlen, während die Zwiebel schwarz wurde.“

Der Kettenbrief schließt mit einigen undurchsichtigen Andeutungen, Anglizismen und Sonderzeichen in Hülle und Fülle (*Zwiebeln ABSORB BACTERIA*, *Kälte und Grippe*, *Opfer*, *Zwiebeln sind riesige Magneten*). Leider fehlt ein Teil des Textes („besonders u“), sodass den Fans von Carmen Geiss die letzten kostbaren Worte des unbekannten Autors/der unbekannten Autorin leider verborgen blieben.

6. Was haben die Strategien von Wodarg, Lovelock und Geiss gemeinsam?

Zunächst und zuvörderst haben alle drei vorgestellten Personen eine bestehende Reputation bzw. ein allgemein bekanntes Image, mit der/dem es ihre Aussagen zur Corona-Pandemie in Einklang zu bringen gilt. Das bedeutet im Falle von Wodarg, dass er mit medizinischen und wissenschaftlichen Argumentationsstrategien am glaubhaftesten wirkt. Lovelock ist hingegen bereits bekannt für seine „Real Talks“ und sieht sich offensichtlich in der Position, kein Blatt mehr vor den Mund nehmen zu müssen. Wie selbst beschrieben, fürchtet er keine negativen Konsequenzen, ist sich aber bewusst, dass diese für ihn eintreten werden, wenn der entsprechende Teil seiner Abonennt:innen das Kanal-Abonnement aus politischen und moralischen Gründen beendet. Bei Carmen Geiss sind sich letztendlich auch Medienprofis uneins darüber, ob sie mit ihrem Post bestimmte Ziele verfolgt. Oft scheinen derartige Posts so unbedacht und unbefangen veröffentlicht worden zu sein, dass man gar nicht von einer tatsächlichen Identifikation der postenden Person mit den geposteten Inhalten ausgehen kann. Sollte es im Falle der Zwiebel-Theorie doch der Fall sein, wünschen wir Carmen Geiss natürlich nur das Beste und einen raschen Erfolg mit ihren neuen duftenden Deko-Elementen.

veröffentlicht von am 20. Mrz 2020. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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