BERLINER MORGENPOST: Ein eleganter Abschluss – Kommentar von Lucas Wiegelmannüber Sir Simon Rattles Ausstieg bei den Berliner Philharmonikern





Einer der begehrtesten Jobs der Klassikwelt wird
neu ausgeschrieben: Sir Simon Rattle, seit 2002 Chefdirigent der
Berliner Philharmoniker, wird seinen noch bis 2018 laufenden Vertrag
nicht mehr verlängern. Er werde dann kurz vor seinem 64.Geburtstag
stehen, sagte Rattle am Donnerstag, und als gebürtiger Liverpooler
„kann man diesen besonderen Geburtstag nicht ohne die Frage der
Beatles ,Will you still need me when I–m 64?– begehen“. Er sei
sicher, „dass es dann an der Zeit ist, dass jemand anderes die große
und großartige Herausforderung übernehmen sollte, die Berliner
Philharmoniker heißt“. Damit ist Rattle etwas gelungen, was zu den
schwierigsten Übungen nicht nur beim musikalischen Spitzenpersonal
zählt: ein eleganter Abschluss. Als die Philharmoniker Rattle an die
Spitze des Orchesters wählten – anstelle des nur knapp unterlegenen
Daniel Barenboim -, verordneten sie sich eine Frischzellenkur. Rattle
setzte weniger Brahms, dafür mehr Britten, Strawinsky oder Debussy
aufs Programm und machte sich für zeitgenössische Werke stark.
Gleichzeitig gelangen ihm große Erfolge bei der Erschließung jüngerer
Hörer; am bekanntesten ist sein Tanzprojekt mit Schulkindern, das im
Dokumentarfilm „Rhythm Is It!“ verewigt wurde. Und doch: Je länger
Rattle Chef war, desto lauter wurde das Murren. Rattle gingen die
Ideen aus, meinten Beobachter, die Wege seien zu eingefahren. Wenn
Rattle geht, wird er 16 Jahre die Geschicke des Spitzenensembles
gelenkt haben. Dass er nicht noch eine weitere Amtszeit anstrebt, ist
keine Überraschung. Beiden Seiten, dem Orchester und seinem
Dirigenten, wird es guttun, sich anschließend nach fruchtbaren neuen
Kooperationen umzusehen. Anstatt abzuwarten, ob man einander
irgendwann wirklich überdrüssig wird, hat Rattle nun den harmonischen
Weg gewählt. Die Suche nach einem Nachfolger dürfte dennoch
kompliziert werden. Die Erwartungen der Musiker, die sich ja
irgendwann auf einen Kandidaten einigen müssen, und auch der
Öffentlichkeit sind riesig an einen Nachfolger Karajans,
Furtwänglers, Abbados – ja, und Rattles. Er wird nur in der ersten
Garde der internationalen Spitzendirigenten zu suchen sein. Nicht
zuletzt müssen die Philharmoniker dabei auch die Generationenfrage
klären: Soll 2018 ein ganz neuer Aufbruch gewagt werden, mit einem
Vertreter der jungen Generation? Besonders hoch im Kurs stehen in
Berlin, wenn man sich die Frequenz ihrer Gastdirigate ansieht,
derzeit Andris Nelsons und Gustavo Dudamel. Oder sucht man in der
etablierteren Generation 50plus? Da wäre zuerst Christian Thielemann
zu nennen, der allerdings gerade erst in Dresden angefangen hat. Es
gehört auch zu Rattles Verdiensten, dass er seinem Orchester nun
immerhin einen komfortablen Zeitrahmen gegeben hat, um diese
schwierige Frage zu klären. Und bis es so weit ist, sagte Rattle
gestern, „freue ich mich auf viele schöne Konzerte in den kommenden
fünf Jahren und darüber hinaus“.

Pressekontakt:
BERLINER MORGENPOST

Telefon: 030/2591-73650
bmcvd@axelspringer.de

veröffentlicht von am 10. Jan 2013. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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