Badische Zeitung: Sonderzug nach Porz / In der neuen Kölner U-Bahn sorgt Kunst für Irritationen Ein „Unterm Strich“ von Alexander Preker





Kunst kommt von Können, doch mit dieser Kunst
können viele nichts anfangen. In der neuen U-Bahn-Haltestelle
Heumarkt in Köln hängt eine Lautsprecher-Installation, bei der
zahlreiche Fahrgäste bloß Bahnhof verstehen: In den Abendstunden
werden per Anzeigetafel Sonderzüge angekündigt, die anschließend bloß
akustisch durch die Station rauschen. Ein Schelm, wer glaubt, die
Kölner Verkehrsbetriebe (KVB) wollten damit nur all jene Züge
kaschieren, auf die Pendler auch ohne Kunstprojekt regelmäßig
warten. Offiziell zumindest geht es darum, die permanente Mobilität
zu karikieren. Dumm nur, dass KVB auf Kölsch bereits schon jetzt
häufig mit „Kommt vielleicht bald“ übersetzt wird. Und wer weiß,
vielleicht fragt tatsächlich bald der ein oder andere am Bahnsteig:
„Tschuldigen Sie, ist das der Sonderzug nach Porz?“ Immerhin, es
hätte noch viel schlimmer kommen können. Ein Zug, nicht nach
Ostberlin, aber vielleicht nach Hogwarts. Man stelle sich, wie eine
Leserin des Kölner Stadtanzeigers nur einmal vor, der Künstler hätte
in Anspielung auf Harry Potter Geisterzüge geplant, die von Gleisen
abfahren, die es gar nicht gibt. Noch viel mehr als die nun 1,5
Millionen Euro für die vier Kunstprojekte der neuen
Nord-Süd-Stadtbahn hätte Köln so vergraben können. Und
Erschütterungen in der Stadt und nicht bloß im Dom wären sicher. Doch
dieser Zug ist abgefahren. Es bleibt bei der systemkritischen
Sonderzug-Variante, und das ist auch gut so. Schließlich konnte auch
Udo Lindenberg mit seinem Sonderzug noch vor der Wende in Ostberlin
auftreten. Für die Kölner besteht also durchaus Hoffnung, dass dr–
Zoch doch noch kütt. Und spätestens Karneval werden sie wieder
wissen, was es mit dem „Jeisterzoch“ wirklich auf sich hat. Wer so
lange nicht warten will, der sollte die ebenfalls neue Haltestelle
Breslauer Platz besuchen. Dort sollen zwar die Züge streng nach Plan
fahren, aber Papageien aus Lautsprechern schnattern. Zum Glück sind
beide Kunstprojekte nicht kombiniert worden.

Pressekontakt:
Badische Zeitung
Schlussredaktion Badische Zeitung
Telefon: 0761/496-0
redaktion@badische-zeitung.de

veröffentlicht von am 19. Dez 2013. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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