Allgemeine Zeitung Mainz: Segensreich – Kommentar von Friedrich Roeingh zum Tod von Kardinal Lehmann





Das Leben ist nicht gerecht, der Tod ist es schon
gar nicht. Es wird wenige Menschen geben, die Karl Kardinal Lehmann
nach seiner Emeritierung als Bischof nicht ein paar Lebensjahre mehr
gegönnt hätten. Jahre, in denen Lehmann mehr Zeit für sich gefunden
hätte, mehr Zeit für seine Bücher, mehr Zeit für Themen und
Veröffentlichungen, die ihm noch am Herzen lagen. Stattdessen hat
sich allein noch Lehmanns Wunsch erfüllt, seinen Nachfolger Peter
Kohlgraf auf dem Mainzer Bischofsstuhl in sein Amt einzuführen. Man
konnte spüren, wie sich Lehmann diese Genugtuung mit letzter Kraft
erkämpfte. Unmittelbar danach setzte der Verfall ein. Dem Kardinal
erging es wie manchem betagten Amtsträger, der zu wenig auf sich
selbst achtet: Wenn das Korsett des Amtes wegfällt, schwindet das
Vermögen, dem Leben noch einmal eine neue Wendung zu geben. Nun ist
Karl Lehmann von seinem Leiden erlöst. Deutschland trauert um einen
großen Zeitgenossen, der dem Land viel mehr gegeben hat, als ein
Bischof üblicherweise vermag. Das Bistum trauert um seinen
segensreichen Karl, der ihm 33 Jahre lang mit scharfem Intellekt und
entwaffnender Warmherzigkeit seinen Stempel aufgedrückt hat. Mit
Lehmann ist zugleich eine Leitfigur des Katholizismus von uns
gegangen, wie es so schnell keine mehr geben wird. 21 Jahre leitete
er die Deutsche Bischofskonferenz. Er hatte das Glück, auf diese
Weise auch die deutsche Einheit mitgestalten zu können. Mit seiner
gewinnenden Klugheit, seiner bildhaften Sprache und seinem
schalkhaften Humor wurde der Bischof von Mainz zu einem Liebling der
Medien. In der erbitterten Auseinandersetzung mit Papst Johannes Paul
II. und Kurienkardinal Ratzinger um die
Schwangerschaftskonfliktberatung gewann Lehmann auch die Achtung
vieler Atheisten, ja sogar ihre Herzen. In der Ökumene war er ein
unermüdlicher Brückenbauer zu den evangelischen Glaubensbrüdern. All
dies trug Lehmann den Ruf eines Liberalen ein, der ihm im Dialog mit
Rom zuweilen geschadet hat. Die ewige Konkurrenz zu Kardinal Meisner
– dem Dogmatiker auf dem Kölner Bischofsstuhl – verleitete Lehmann
schließlich dazu, Papst Benedikt im Alter von 75 Jahren seine
Bereitschaft um eine Verlängerung seiner Bischofszeit zu
signalisieren. Eine tragische Entscheidung. Ihn persönlich kosteten
die letzten Amtsjahre viel zuviel Kraft, während das Bistum auf
dringend benötigte Reformanstöße wartete. Wie sein Nachfolger diese
Herkulesaufgabe angehen wird, kann Karl Lehmann nicht mehr erleben.
Mit ihm hat uns ein warmherziger Intellektueller, ein streitbarer
Versöhner und ein fehlbarer Allwissender verlassen. Ruhe in Frieden
sei ihm beschieden. Und wenn es im Tod doch ein bisschen
Gerechtigkeit geben sollte, wird er diesen Frieden ganz sicher
finden.

Pressekontakt:
Allgemeine Zeitung Mainz
Andreas Trapp
Newsmanager
Telefon: 06131/485980
online@vrm.de

Original-Content von: Allgemeine Zeitung Mainz, übermittelt durch news aktuell

veröffentlicht von am 11. Mrz 2018. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

Rückmeldung hinterlassen

Archiv

Bilder Galerie

Anmelden | Copyright by LayerMedia

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Blog Top Liste - by TopBlogs.de