20. Ausgabe Rumänisches Theaterfestival 2010 – ein Schritt in die Zukunft des Theaters?





Diese Sätze richtet Elling (Marius Florea Vizante, der großartig aus der Augenbraue und den Fingerspitzen heraus spielt) im gleichnamigen Schauspiel nach dem Roman “Blutsbrüder” des Norwegers Ingvar Ambjoernsen an seinen Bühnenpartner (Sandu Pop, dem man die naive Entdeckung der Liebe begeisternd abnimmt) im Teatrul de Comedie, Bukarest. Eine leise und humorvolle Inszenierung von Vlad Massaci um das Wiedereintreten zweier “Langzeiturlauber” aus der Psychiatrie ins Leben. Nach und nach lernen beide, die Herausforderungen des Alltags zu meistern und sich auf das “Abenteuer Leben” einzulassen … “Elling” erzählt humorvoll die Geschichte eines Mannes, der auszieht, das Fürchten zu verlernen und dabei die Poesie entdeckt. Teatrul de Comedie setzte sich mit dem Alltag von Menschen mit seelischen Behinderungen auseinander.

Diese Einganssätze möchte ich zugleich auch als Leitmotiv über die 20. Ausgabe des Theaterfestivals Bukarest (30.10.-7.11.2010) ansehen, für das zum 3. Mal Cristina Modreanu verantwortlich zeichnete. Sich mit dem Alttag, dem Leben in seinen zahlreichen aktuellen Facetten auseinander zu setzen, forderte in gleichem Atemzug die aktuelle politische Teilnahme über den Weg der Bühne mit Hilfe des zeitgenössischen Theaters. Das Bukarest Theaterfestival bietet die Chance der Wahrnehmung von Theatergeschehen des gesamten rumänischen EU-Nachbarlands innerhalb von 8 Tagen jedesmal im Spätherbst. Das beantwortet für den auswärtigen Betrachter und Festivalbesucher bereits die Frage des “Warum?”, es bleibt die Antwort auf das “Wie?”. Zwei kluge Kurzfragen, die die Festivaldirektorin -dem Altmeister Peter Brook entnommen- bestens beantwortete.

Das Theaterfestival 2010 hatte Einiges zu bieten auf seinem Weg, Zukunftsperspektiven des rumänischen Theaters besonders in seiner Beziehung zum europäischen Theatergeschehen sichtbar zu machen. Den gesamten Theatermarathon aufzuzeigen käme auf Grund der hohen Qualität einer Aufzählung fast aller vertretenen Theater aus Rumänien und ausländischen Produktionen mit Rumänien relevantem Background gleich. (www.fnt.ro zum Nachlesen) Es gab nur wenige Ausnahmen, wie z.B. Matthias Langhoff, der sich in ignorant abweisendem Habitus (auch Pressevertretern gegenüber) nicht seiner Gestrigkeit mehr bewußt zu sein und noch oben im Götterhimmel seines vergangenen Ruhms zu träumen schien.

Einiges ragte so sehr heraus, dass ich ein wenig näher darauf eingehen darf.
Beginnen wir mit der Bewältigung der aktuellen Historie Rumäniens mit Gianina Carbunarius “20/20” in der etnischen Konfrontation zwischen Rumänen und Ungarn, sowie Mihaela Michailow und David Schwartz mit der Montage “Wütende Köpfe” um die Aufarbeitung der rumänischen Diktatur und ihrer Nachfolgezeit. “Breaking the Waves” nach Lars von Trier gehörte zu den außerrumänischen Produktionen um den Konflikt zwischen bourgeoiser Religionsgläubigkeit und Prostitution. Radu Afrim griff mit “Herr Paul” (Tankred Dorst), einer “Parabel über die Schwächen der Tatkräftigen und die Stärken der Trägen”, wie ein östliches Zahnrad in ein westliches Zahnrad der Theaterkultur und trat damit erneut den Beweis an für die überregionale, Länder übergreifende Relevanz des Miteinanders von Schreibern und Theatermachern und ihre gegenseitige positive Befruchtung. Man wird ihn schon bald an prädestinierter Stelle im Westen haben wollen. Eugène Ionesco (“Der König stirbt” in der Regie von Silviu Pucarete) war ein Muss im rumänischen Theatergeschehen, die ost-west-europäische Festivalproduktion (Slowenien, Mazedonien, Luxemburg, Frankreich) machte diese Inszenierung für Bukarest zu etwas Besonderem.

Radu Afrims Inszenierung “Miriam W.” (Savyon Liebrecht) , “Eltern und Kindern haben zueinander eine problematische Beziehung. Das Trauma radikaler Loslösungen vom einstigen Zuhause macht alles nur noch schwerer, …” ermöglichte mir den Sprung in ein weiteres Highlight des Festivals. Während der rumänische Regie-Star mit dem KulturPreis Europa 2009 des KulturForum Europa für sein “soziales Engagement um positive Auseinandersetzung von und mit Minderheiten”, von Diversity erhielt, wurde der Argentinier/Spanier Rodrigo Garcia mit dem Preis für “realistisches Theater” vom Europäischen Parlament und dem Europarat ausgezeichnet. Zwei unterschiedlichere, konträrere Herangehensweisen gibt es kaum, und doch ergänzten sie beide auf ein ganz Spezielles das Festival in Bukarest. Das Nationaltheater Timisoara (TNT), dasselbe Theater, das Afrim zum Erfolg verholfen hatten, ließ sich mit seiner Crew auf ein theatralisches Garcia-Happening ein, von dem einige Zuschauer sicher ein Trauma erhielten.

“Tiere haben keinen Zutritt” lautete die Botschaft, die der Gesellschaft den Spiegel vorhielt.
Eltern, Kinder, Haustiere und alltägliche Grausamkeit. Aus dem Alltagsgeschehen unserer Umwelt, Essen, Trinken, Sex. Innerfamiliäre Verhältnisse. Leben und Durchhalten, egal auf welcher Seite, Gewinner oder Verlierer. Und immer wieder das, was den Menschen am Leben hält. Sex, Sex, Sex, … (Mein rumänischer Lieblingskritikerfeind wird sich darüber sicher wieder ereifern , aber so ist es halt das Leben. Er heimst zwar Kritikermeriten ein, scheint aber im Elfenbeinturm der Unwissenheit dahin zu vegetieren.)

Teufel und Narr sind den Bildern Pieter Brueghel–s entsprungen. Ergänzt wird der Krieg um das Alltägliche durch König Fußball. Die Gesellschaft lebt wie Würmer und lebt von Würmern. Auf einer zwei Meter großen Pizza, dem Symbol unserer heutigen Gesellschaft, wird all das implantiert, was diese geschaffen hat , was sie ausmacht und letztlich jedoch alles wieder genüßlich zerstört.
Garcia und die TNT-Schauspieler zeichnen ein sehr aktuelles Bild auch der rumänischen Gesellschaft, die ihre Kinder frisst, sie in Eingleisigkeit fesselt, der Einbahnstraße z.B. des verrotteten Schulsystems unterwirft, denn es darf sich bloß nichts ändern. (Oh, wie die Politiker sowas mögen, denn es fördert und sichert ihre Position.)

Und das Publikum macht mit in diesem Spiel, ihm fällt eine eigene Rolle im “Theater der Realität” zu.
Es verlässt zu zuhauf die Spielstätte, denn es will ja nur konsumieren, sich amüsieren, die Zeit totschlagen und demonstriert so – teils lautstark- seine Verschlossenheit gegenüber Neuem, die Ablehnung von Fremdem, Unbekanntem. Zuerst brechen die Alten auf, dann die Jeunesse d–Or, die bei den allseits beliebten Klassikern die Theater bis auf die letzten verbleibenden freien Stufen überquellen lassen. Sie beweisen, wie sehr sie in das System eingegliedert sind, angepasst und ignorant gegenüber der gesellschaftlichen Realität.

Hier setzen Garcia und die Darsteller an, Veränderung sichtbar zu machen.
Fazit: Wir machen täglich Sex, produzieren Gewalt und enorm viel Scheiße, also müssen wir auch darüber reden.Wir reden ununterbrochen von der Finanzkrise, jedoch die moralische Krise sitzt viel tiefer. Aggression und Gewalt stehen auf dem täglichen Spielplan der gesellschaftlichen Realität. Eine Spiegelrevue unserer Gesellschaft um die Frage nach Verantwortung für sich und ihre Kinder, die Frage nach dem Gewissen. “Am Alltag teilnehmen”, wie es bei “Elling” heißt. Hochaktuell und hochpolitisch.

Diese Art von Theater wird von den Freien, Unabhängigen erwartet. Dies von einem Staatstheater zu erleben, lässt hoffen, denn auch dem Experiment gehört die Bühne. Klassiker wurden viel zu lange in der unseligen Vergangenheit in Szene gesetzt.

Dominique Fataccioli, der Direktor des Bourg-Neuf Theaters im französischen Avignon frug mich danach, wo DAS Theater in Europa heute zu finden sei. Ich antwortete, es nicht wissen. Aber ich könne ihm mit Gewissheit sagen, wo DAS Theater in Rumänien zu finden sei. Nicht in der Hauptstadt Bukarest, aber im weit entfernten Timisoara.

veröffentlicht von am 19. Nov 2010. gespeichert unter Sonstige, Theater. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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