Zum 25. Jahrestag: DIW-Ökonomen analysieren deutsche und Europäische Währungsunion





Deutsche Währungsunion zum 1. Juli 1990 politisch zwingend und wirtschaftlich schmerzvoll – Griechenland ähnlich reformbedürftig wie einst die DDR – Krise der Europäischen Währungsunion treibt Integration voran

Vor 25 Jahren, am 1. Juli 1990, trat die deutsche Währungsunion in Kraft. Am selben Tag wurde mit der Abschaffung von Kapitalverkehrskontrollen in Europa die Grundlage für die Europäische Währungsunion und den Euro geschaffen. Sowohl die deutsche Währungsunion als auch die Europäische Währungsunion wurden und werden noch heute heftig kritisiert und diskutiert. War die Ausgestaltung der deutschen Währungsunion falsch? Ist die Einführung des Euro ein Fehler gewesen? Wissenschaftler des DIW Berlin haben sich anlässlich des historischen Datums dieser Fragen angenommen.

Der Euro – Grundstein oder Krönung der Integration?
In ihrem Essay über die Europäische Währungsunion zeichnen die Autoren Ferdinand Fichtner und Philipp König den Weg zur Gemeinschaftswährung nach. Demzufolge standen sich zu Beginn der Debatte zwei Denkschulen gegenüber. Die eine ging davon aus, dass mit der Schaffung einer Währungsunion der „Grundstein“ für eine weitergehende ökonomische Integration Europas gelegt und diese automatisch nach sich ziehen würde. Die andere sah den Euro gleichsam als „Krönung“ am Ende eines Integrationsprozesses. Zuvor müssten Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftsleistung konvergieren.

Rückblickend lässt sich festhalten, dass sich die Idee vom Euro als „Grundstein“ durchsetzte, wobei „erst als Reaktion auf die Krise im Euroraum notwendige Änderungen am institutionellen Gefüge der Währungsunion vorgenommen wurden“, so die Autoren. „Viel spricht dafür, dass solche Spannungen und sogar das Auftreten von Krisen als Impuls für eine weitergehende Integration bei der ursprünglichen Gestaltung der Währungsunion bewusst in Kauf genommen wurden.“ Fichtner und König betrachten dies kritisch. Es sei ein „hochriskantes politisches Kalkül, da es Gefahr läuft, die gesellschaftliche Unterstützung für den Integrationsprozess zu verlieren und damit die Gemeinschaftswährung in ihrer Existenz gefährdet.“ Dies zeigt sich nach Einschätzung der Autoren auch in den jüngsten Entwicklungen in Griechenland: Fast auf den Tag genau 25 Jahre nach der Freigabe des Kapitalverkehrs in Europa führen politische Spannungen nun zu erneuten Kapitalverkehrskontrollen und drohen einen Austritt des Landes aus der Währungsunion nach sich zu ziehen.

Die deutsche Währungsunion – eine Schocktherapie
Demgegenüber kam zuvor die deutsche Währungsunion ohne langen Vorlauf zustande. Sie war politisch zwingend und folgte dem Druck der Straße. Ziel war es unter anderem, die massive Abwanderung aus der DDR in Richtung Bundesrepublik zu stoppen. Die Währungsunion 1990 war auch politisch gewollt, so DIW-Ökonom Karl Brenke, denn es galt, „angesichts einer unsicheren außenpolitischen Lage, die Chance der Wiedervereinigung zu nutzen und mit einer gemeinsamen Währung irreversible Fakten zu schaffen“. Allerdings erwies sich die Währungsunion mit Blick auf die Wirtschaftsentwicklung als große Herausforderung und als ein schmerzvoller Prozess. „Kurzfristig wurden die wenig produktiven Betriebe der DDR dem freien Handel ausgesetzt; die Industrieproduktion brach in einem Maße zusammen, das historisch ohne Beispiel ist.“ Es erfolgte die Systemtransformation durch eine Schocktherapie: „Über Nacht wurde die Wirtschaft der DDR dem Wettbewerb ausgesetzt, in dem sie zu großen Teilen nicht bestehen konnte.“

Wie einst die DDR – Griechenland braucht Strukturreformen
„Gerade für die Lösung der derzeitigen europäischen Krise ist es wichtig zu verstehen, welche Lehren wir aus der deutschen Währungsunion für Europa ziehen können“, resümiert DIW-Präsident Marcel Fratzscher in seinem einordnenden Beitrag. Darin kommt er zu dem Schluss, dass sich in ökonomischer Hinsicht die DDR im Jahr 1990 mit Griechenland heute vergleichen lässt: Damals wie heute waren bzw. sind die staatlichen Institutionen ineffizient und die Wirtschaftsstrukturen im internationalen Wettbewerb nicht überlebensfähig. In beiden Fällen wurde den Menschen mit der neuen Währung Wohlstand in Aussicht gestellt, ohne ihnen die Härten des Transformationsprozesses ausreichend zu erläutern.
Und dennoch – so Fratzscher – war die deutsche Währungsunion samt ihres relativ hohen Umrechnungskurses mit nicht allzu niedrigen Einkommen in Ostdeutschland richtig: „Auf diese Weise wurde die Nachfrage in Ostdeutschland stabilisiert und ein wichtiger Stabilitätsanker geschaffen.“ Ein wesentlicher Unterschied zwischen der Situation damals und heute waren die deutsch-deutschen Transferleistungen: „Die deutsche Währungsunion ging mit einer Fiskalunion und hohen finanziellen Transfers von Westdeutschland nach Ostdeutschland einher, wogegen solche fiskalischen Transfers innerhalb der Eurozone sehr viel geringer sind.“ Griechenlands Transformationsprozess dürfte deshalb deutlich langsamer verlaufen, so Fratzscher.

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veröffentlicht von am 1. Jul 2015. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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