Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zur Abdankung von König Juan Carlos





Eine seiner ersten wirklich souveränen
Handlungen als König von Spanien war die größte seines Lebens. Juan
Carlos stellte sich 1981 gegen den Militärputsch von Anhängern des
alten Regimes. Bis dahin galt er als stockkonservativer
Franco-Zögling. Aber der letzte politische Monarch Europas
verzichtete auf die Macht und befreite Spanien endgültig vom
Faschismus. Juan Carlos hielt Spanien zusammen. In wenigen
Jahrzehnten entwickelte sich das Land von einer brutalen Diktatur, in
der die Todesstrafe noch 1974 mit dem Würgeeisen Garotte vollstreckt
wurde, in eine offene demokratische Gesellschaft. Das Königshaus
führte, zog und zerrte die alten Kräfte des Beharrens in die neue
Zeit. Großgrundbesitzer, Hidalgos und Militaristen gingen den Weg
mit, einzig und allein weil der König ihren Gehorsam forderte und
darauf bestand. Der ungewöhnliche Thronverzicht steht dagegen für die
unrühmliche Spätphase einer zum Ende ramponierten Regentschaft.
Elefantenjagd als WWF-Chef, eine deutsche Geliebte,
Korruptionsvorwürfe gegen die Tochter und laute Rufe nach einem
Referendum über die Monarchie – ganz klar: Der König hat seine
Unschuld durch fahrlässige Eskapaden verloren, er hat die Casa Real
in ihre tiefste Krise gestürzt. Die Mehrheit der Spanier will ihn
nicht mehr. König aller Spanier wollte Juan Carlos stets sein. Zu
lange schon hat er diesen Anspruch nicht erfüllt. Bereits gestern
Abend gab es Rufe nach einer dritten Republik – ganz ohne Königshaus.
Kronprinz Felipe übernimmt die Nachfolge zu einem ähnlichen Zeitpunkt
wie sein Vater. Wieder sieht sich das Land vor einem diffizilen
Übergang, wieder steht Spanien auf dem Spiel. Die tiefgreifende
Finanz- und Wirtschaftskrise stellt die Iberer vor existenzielle
Fragen. Jeder Spanier ist betroffen. Alte Werte wie
Opferbereitschaft, Gemeinschaft und Treue sind gefordert.
Ministerpräsident Mariano Rajoy muss dem Land einem knallharten
Sparkurs verordnen. Er will es mit Investitionen von 6,3 Milliarden
Euro aus dem Tal der Tränen führen. Tatsächlich zeichnen sich kleine
Erfolge bei der Wiedergewinnung von Kreditwürdigkeit ab. Aber bis zur
Überwindung der Arbeitslosenrate von 25,9 Prozent muss noch ein
weiter Weg zurückgelegt werden. Es wird nicht leicht sein, die
Nation zusammenzuhalten. Die Autonomieansprüche nicht allein in
Katalonien und im Baskenland werden nur schwer zu befriedigen sein.
Wer, wenn nicht ein in allen Landesteilen geachteter König kann dem
noch entgegenwirken? Juan Carlos ist das in seiner Regentschaft nur
in Maßen gelungen. Auch der Sohn wird hier viel Überzeugungsarbeit
leisten müssen. In dieser Phase ist ein zum volksfernen Aristokraten
mutierter Altkönig keine Hilfe mehr. Juan Carlos kann, so gerade
noch, in Frieden abtreten. Den Schaden muss der Nachfolger heilen,
sofern der noch dazu kommt. Auf Madrids Straßen erschallen schon ganz
andere Rufe.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

veröffentlicht von am 2. Jun 2014. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

Rückmeldung hinterlassen

Archiv

Bilder Galerie

Anmelden | Copyright by LayerMedia

Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis blogoscoop