Westfalen-Blatt: Das WESTFALEN-BLATT (Bielefeld) zum Bildungssystem





Wenn deutsche Politiker heute über Schule und
Universität sprechen, kann der Bürger sicher sein, dass den Redner
eines gewiss nicht umtreibt: das Bestreben nach mehr Bildung.
Schulische Bildung wird hier verstanden als Vermittlung von Modellen,
mit deren Hilfe sich einerseits der junge Mensch kognitive
Wissensfelder selbsttätig erschließen kann. Andererseits aber soll er
auch eine Ahnung davon bekommen, wie er im Team Probleme löst und
sich, ohne dass es hörbar knirscht, ins soziale Gefüge einbettet.
Wenn Schüler dieses anspruchsvolle Ziel erreichen wollen, brauchen
ihre Lehrer vor allem eines: Zeit. Ökonomen hingegen verlangen etwas
ganz anderes: jüngere Berufsanfänger als bisher. Natürlich gut
ausgebildet – womöglich gar besser als bisher. In einem
Hauruckverfahren hat der Berg gekreißt und ein bildungspolitisches
Mäuschen geboren: G8, die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht
Jahre. Jetzt sind die Abgänger 18 statt 19 Jahre alt. Welch ein
Fortschritt! An den Unis hingegen wird Alarm geschlagen: G8-Studenten
fehlt es an elementaren Fähigkeiten, die sie bräuchten, um die
Anforderungen der Hochschulen zu bewältigen. Vielfach verstehen sie
weder die in den Seminaren vorgelegten Texte, noch können sie
komplexe Probleme strukturieren, analysieren, geschweige denn einer
Lösung zuführen. Jetzt will die Politik offenbar ein weiteres Mal
einen intellektuellen Schnellschuss abfeuern: Sie will prüfen, ob
sich die Zahl der wöchentlichen Pflichtstunden senken lässt – von 265
auf 260. Aus einem Acht-Stunden-Tag würde ein 7,85-Stunden-Tag. Das
scheint nicht viel zu sein, aber der Philologenverband der
Gymnasiallehrer hält das für die glatte »Abschaffung des Gymnasiums«.
Dass der Vorschlag, die Stundenzahl zu senken, von Bildungsforschern
kommt, lässt die Sache völlig ins Absurde kippen. Tatsächlich
schrauben diese Experten seit den späten 60ern am Bildungssystem –
kaum ein Jahr vergeht, in dem Schüler und Lehrer nicht mit
Studierstubengeschwurbel eingedeckt würden. Die Bildungschancen vom
Einkommen der Eltern zu entkoppeln, war der einzige richtige Schritt
in die Moderne. Dieses Ziel wurde längst erreicht, vor Jahrzehnten
bereits. Was danach über Deutschlands Schüler kam, war entweder
verschrobene Ideologie oder profitorientierter Lobbyismus der
Ökonomen. Das aber muss den lernwilligsten Schüler überfordern und
den engagiertesten Lehrer entmutigen. In dieser verfahrenen Lage wäre
es an der Zeit, wenn sich die Politik auf ihre ureigene Aufgabe
besinnen und gestalterisch tätig würde. Es gilt die divergierenden
Kräfte, die unser Bildungssystem zerreißen, zusammenzuführen. Und
sollten sich die selbsternannten Strategen nicht lernfähig zeigen,
müsste auch mal mit der Faust dazwischengefahren werden. Den Segen
des (Wahl-)Bürgers hätte die Politik allemal.

Pressekontakt:
Westfalen-Blatt
Nachrichtenleiter
Andreas Kolesch
Telefon: 0521 – 585261

veröffentlicht von am 24. Jun 2014. gespeichert unter Allgemein. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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