Meisterhaftes Nibelungen-Puppenspiel ohne Deutschtümelei





Das Theater-Auftragswerk der Stadt Hohenems „Looking for Brunhild“ das maßgeblich vom Land Vorarlberg und weiteren (Bezirksamt Pankow und Schaubude Berlin, Impulse Privatstiftung, T-Werk Potsdam) gefördert wurde, ist vom Theater Triebwerk, Berlin mit den Puppenspielern Veronika Thieme und Pierre Schäfer umgesetzt worden. Regie führte Hans Jochen Menzel, die Figuren stammen von der renommierten Berliner Puppenbauerin Suse Wächter, das Bühnenbild von Ingo Mewes. Die Welturaufführung fand im Rahmen des 23. Festivals für Puppen, Pointen und Poesie, „Homunculus“ in der Nibelungenstadt Hohenems/Vorarlberg, statt.

Schmachvoll betrogen
„Brunhilds Lied hätte es heißen sollen!“ skandiert die Puppe von Jacob Hermann Oberreit, Der einstige Nibelungen-Handschrift-Finder führt als Erzähler durch das 90minütige Stück. Schließlich war es Brunhild, die getäuscht, betrogen und belogen worden war, als sie statt von Gunter mit dem dank Tarnkappe unsichtbaren Siegfried sowohl im Zweikampf wie im Schlafgemach bezwungen wurde. Vergewaltigung! ruft Oberreit und verlangt Jahrhunderte später Verständnis für die starke isländische Prinzessin. Sie sei die wahre Heldin, nicht der niederrheinisch parlierende Siegfried mit einem Spatz im Haar, nicht die blonde Kriemhild, die später alle ins Verderben stürzen wird.

Im isländischen Altersheim…
Im historischen Epos taucht Brunhild im zweiten Teil der Sage nicht mehr auf, obwohl das Wohl und Wehe der Nibelungen mit ihr im ersten Teil unmittelbar verknüpft war. Dieses rätselhafte Verschwinden greift die Puppentheaterversion „Looking for Brunhild“ geschickt auf. Siegfrieds Ermordung durch Hagen um Brunhilds Schmach zu rächen, und die blutige Rache Kriemhilds – all dies bringen Schäfer und Thieme mit dramaturgischen Kniffen kongenial auf die Bühne: Brunhild lebt – alt und im Rollstuhl sitzend versucht sie sich im isländischen Altersheim an die damaligen Geschehnisse zu erinnern… Und sie erzählt vom Ränkespiel und seinen Resultaten, beantwortet Oberreits Fragen und wirft neue auf. Denn so könnte es gewesen sein.. oder auch nicht…

Verse und Schwert
Den Machern gelang eine Meisterleistung: aus tausenden Versen destillierte Homunculus-Intendant Pierre Schäfer mit Hans Jochen Menzel und Veronika Thieme ein Stück, das mit acht Figuren, elf Puppen und zwei Puppenspielern umgesetzt wurde. Entstanden ist ein Epos ohne Deutschtümelei und mit einer guten Portion Humor. Gespielt wird „auf Messers Schneide“ – das übergroße Schwert Balmung dient mehr als Bühnenbild und -boden denn als Requisit. Das 90minütige Kammerspiel, großteils in Versen, verlangte dem renommierten Puppenspieler-Duo höchste Konzentration und exzellente Spielkunst ab.

Standing Ovations
Basierend auf Hebbels-Nibelungentext entspinnt sich aus der Perspektive der verschwundenen Brunhild sowie des schwäbelnden Erzählers Oberreit das blutige Drama mit ausdrucksstarken Figuren und dem vom Schwert dominierten Bühnenbild. Die historische Stätte, der Rittersaal des Palastes Hohenems, lässt die für ein Puppenspiel notwendige Intimität vermissen – doch „der historischen Referenz geschuldet“ war es der richtige Ort, erklärt Schäfer nach der gelungenen Premiere. Der Kniff, den klassischen Hebbel-Text mit Alltagssprache und Dialektfärbungen aufzubrechen, den schweren Nibelungen-Stoff auch für Jugendliche in ein von seiner Länge her konsumierbares Stück zu gießen, resultierte mehrfachen Szenenapplaus und abschließende Standing Ovations der insgesamt 400 Besucher.

Deutschlandpremiere am 13. Juni
Der epische Zickenkrieg der beiden Frauen und die gar nicht so männlichen Helden gehen auch auf Tournee: Am Freitag, dem 13. Juni findet die Deutschland-Premiere in der „Schaubude“ in Berlin statt. Die Termine der anschließenden Tour durch den deutschsprachigen Raum sind der Homepage www.pierre-schaefer.de – zu entnehmen. Pierre Schäfer, der in der Vergangenheit bereits mehrere Heldenstoffe (Dietrich von Bern, Tristan und Isolde, Edda) inszeniert hat gibt zu seiner Version der Brundhild-Geschichte augenzwinkernd zu Protokoll: „Männer lügen in Not und Frauen in Versen…“

Nibelungenstadt Hohenems
Die im Vorarlberger Rheintal gelegene Kleinstadt ist Fundort der Handschriften C und A in den Jahren 1755 und 1779 im Palast Hohenems. Ein Faksimile der Handschrift befindet sich im Stadtarchiv Hohenems. www.hohenems.at (http://www.hohenems.at)

Looking For Brunhild
Theater Triebwerk, Berlin
Spiel: Veronika Thieme & Pierre Schäfer
Puppen: Suse Wächter Bühne: Ingo Mewes
Beratung: Hans Jochen Menzel
www.pierre-schaefer.de (http://www.pierre-schaefer.de)

Bildrechte: Homunculus/Kurt Boeckle

Bildrechte: Homunculus/Kurt Boeckle

veröffentlicht von am 13. Jun 2014. gespeichert unter Allgemein, Literatur, Sonstige. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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