DER STANDARD-Kommentar: „Späte Angst vor Erdogan“ von Petra Stuiber





Er kommt also nach Wien. Seine Rede wird wohl
„deftig“ werden, wie einige österreichische Regierungsmitglieder am
Dienstag befürchteten. Es ist natürlich nicht schön, wenn da einer
kommt und Wahlkampf mit Sticheleien macht. Freilich ist es jetzt ein
bisschen spät, sich vor Recep Tayyip Erdogan zu fürchten.

Für den türkischen Premier wird der Auftritt in Wien, ebenso wie
jener in Köln, wohl ein Heimspiel – trotz Gegendemos. Immerhin haben
Erdogan und seine AKP als Erste die politische Kraft der türkischen
Diaspora erkannt und schon vor einem Jahrzehnt gezielt begonnen, um
Anhänger unter den Auslandstürken zu werben.

Dass er dabei seine konservativen Werte predigt, dass er ein
verstaubtes Familienbild und ein problematisches Verhältnis zu
Freunderlwirtschaft und Nepotismus pflegt, ist nicht das Kernproblem.
Das kennen wir auch von österreichischen Politikern. Aber Erdogan
wäre nicht Erdogan, würde er nicht der populistischen Versuchung
erliegen, in beiläufig dahingesprochenen Nebensätzen einen „Wir gegen
die anderen“-Diskurs zu führen. Er suggeriert dabei, dass die
westlichen Mehrheitsbevölkerungen die Türken ohnehin nie akzeptieren
werden – daher sollten diese tunlichst unter sich bleiben und ihr
Türkentum zelebrieren.

Jörg Haider ist mit derselben Polemik politisch groß geworden,
Heinz-Christian Strache hat es ihm nachgemacht – beide mit
umgekehrten Vorzeichen wie Erdogan. Der Sprengstoff, der solcher
Politik innewohnt, ist evident: Spaltung, nicht Einigung lautet das
Motto. Toleranz hört sich für diese Herrschaften dort auf, wo sie
sich kritisiert fühlen. Insofern haben Kritiker wie der grüne
Bundesrat Efgani Dönmez recht, wenn sie sagen, dass Erdogan den
Rechten in Europa in die Hände spiele. Auch dass solch
nationalistisch aufgegockelte Politik eine immanente Gefahr
darstellt, ist nicht von der Hand zu weisen. Diese ist, zumindest für
Europa, wahrscheinlich größer und unmittelbarer als die Gefahr, die
von islamistischem Terror ausgeht.

Allerdings: Deswegen zu fordern, jeglichen Kontakt zu und jegliche
Unterstützung für Moscheen und Kulturvereine zu kappen, um die
konservativen Kräfte in der Türkei nicht weiter „salonfähig“ zu
machen, geht in die falsche Richtung. Glaubt man ernsthaft, junge
Türken würden sich weniger radikalisieren, wenn der Bundespräsident
kein Fastenbrechen besucht?

Das Gegenteil ist zu tun. Österreichs Politik sollte sich viel
intensiver (und ernsthafter) mit den religiösen und Kulturvereinen
beschäftigen, die sie zum Teil ja auch subventioniert. Und bei der
Gelegenheit sollte sie auch klarmachen, dass es nicht okay ist, wenn
sich vermeintlich unpolitische Vereinigungen von Politikern und
Parteien vereinnahmen lassen, die Demokratie und Grundrechte nicht
hochhalten. Davor müssen Österreichs Politiker aber erst
verinnerlichen, dass es sich bei Türken aller drei Generationen eben
nicht um Gäste, sondern um Mitbürger handelt, die Respekt, gleiche
Rechte und gleiche Chancen verdienen. Hätte man Türken nicht
jahrzehntelang als Mitbürger zweiter Klasse behandelt, müsste man
sich jetzt nicht vor dem „Spaltpilz“ Erdogan fürchten.

Die Mehrheit der Türken in Österreich glaubt längst nicht alles,
was der Herr aus Ankara verheißt. Aber die Zeit drängt. Denn das
potenzielle Problem, das Populisten, Nationalisten und Demagogen
darstellen, wird nicht von selbst kleiner.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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veröffentlicht von am 17. Jun 2014. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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