DER STANDARD – Kommentar: „Einladung zum Bürgerkrieg“ von Gudrun Harrer





Der Vormarsch der jihadistischen Gruppe Isis im Irak
war in den vergangenen Monaten kaum eine Schlagzeile wert: Der
„Islamische Staat im Irak und in Syrien“ – genauer gesagt in „Sham“,
was man als Großsyrien oder Levante übersetzen könnte – kontrolliert
bereits seit Jahresbeginn Teile der Provinz Anbar, mit der Stadt
Falluja. Die ist seitdem so etwas wie ein Niemandsland, auch für die
irakische Regierung. Die Isis hatte jedoch nie vor, sich damit zu
begnügen: Es gab systematische Vorstöße – meist gefolgt von schnellen
Rückzügen – in andere Provinzen, etwa Anfang April bis nach Abu
Ghraib buchstäblich vor die Tore Bagdads. Vor dem jüngsten Einfall in
Mossul (Provinz Niniveh) besetzte die Isis Teile von Samarra (Provinz
Salahuddin), und in der Provinz Diyala, wo Isis-Führer Abu Bakr
al-Baghdadi seine Stammeswurzeln haben dürfte, hat die Isis bereits
die Wiedererrichtung ihres „Emirates“ verkündet. Eine Zeitlang sah es
so aus, als ob die Nachfolgeorganisation der Al-Kaida im Irak (Aqi)
in ihrem Herkunftsland auch deshalb wieder aktiver würde, weil sie in
Syrien zunehmend unter Druck von anderen Rebellengruppen geriet. Aber
die Illusion, sie würde wenigstens aus dem syrischen Bürgerkrieg
vertrieben werden, in dem sie nach ein paar ruhigen Jahren 2012 ihr
Comeback hatte, scheint sich im Moment zu zerschlagen. Auch da
verbucht sie militärische Erfolge. Die Einnahme von Mossul, oder von
Teilen davon, war eine Operation, die sich seit Tagen ankündigte:
Dennoch konnten die irakische Regierung und die Armee nichts dagegen
tun. Wenn Premier Nuri al-Maliki nun die Bürger gegen die
Ex?tremisten bewaffnen will, kommt das erstens einem Eingeständnis
gleich, dass die regulären Sicherheitskräfte – und ihre im Land
verbliebenen amerikanischen Berater – machtlos sind. Zweitens ist es
eine Aufforderung zum Bürgerkrieg. Schon seit geraumer Zeit formieren
sich auch wieder Schiitenmilizen, wie sie in den schlimmsten Jahren
zwischen 2005 bis 2007 omnipräsent waren. Der Vorstoß der Isis in die
Stadt Samarra war eine besonders schwere Provokation. Dort liegt der
schiitische Askari-Schrein, der 2006 von den Isis-Vorgängern in die
Luft gesprengt wurde. Sofort gab es schiitische Aufrufe, sich zur
Verteidigung zu formieren. Das ist offenbar genau das, was die Isis
beabsichtigt. Denn die schiitische Reaktion verhindert wiederum, dass
sich alle Sunniten in den betroffenen Gebieten auf die Seite der
Regierung stellen. Die Isis und andere sunnitische radikale Gruppen
können teilweise zumindest auf die Duldung durch Teile der
sunnitischen Bevölkerung zählen. Das ist Maliki zuzuschreiben, der in
den vergangenen Jahren nicht einmal versucht hat, eine integrative
Politik zu machen. Dennoch ist die Stärke der Isis frappierend, umso
mehr, als Baghdadi sich ja von der Mutterorganisation Al-Kaida quasi
selbstständig gemacht hat. Die Isis hat offenbar ein substanzielles
Rückgrat: einen Mix aus lokaler Unterstützung, erpressten Geldern
(Maut, Steuern), Einnahmen durch Kriminalität und Kriegswirtschaft
sowie Spenden von außen. Als ihr Sponsor wird
verschwörungstheoretisch auch immer wieder das Assad-Regime
bezeichnet. Aber so nützlich es für Assad ist, dass sich die
Rebellengruppen in Syrien bekriegen, so wenig Interesse kann er daran
haben, dass sich der schiitisch geführte Irak destabilisiert.

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Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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veröffentlicht von am 10. Jun 2014. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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