DER STANDARD-Kommentar: „Der Grat ist schmal“ von Alexandra Föderl-Schmid





So schnell kann es gehen: Zu Jahresbeginn sagte der
US-Historiker Timothy Snyder bei einer vom Standard mitveranstalteten
Diskussion im Wiener Burgtheater über 1914 und die Folgen: Die wahre,
bedrohliche Konfrontation spiele sich derzeit in der Ukraine ab. Es
gebe eine Auseinandersetzung zwischen der „soft power“ der EU und der
von Russlands Präsident Wladimir Putin forcierten „hard power“ alter
nationalistischer Prägung. Damals, das ist erst sechs Monate her,
wurde in der Ostukraine noch nicht geschossen, die Krim war Teil des
Landes. Inzwischen gibt es mehr als 400 Tote, und die EU hat bei
ihrem Gipfeltreffen am Freitag Russland ein Ultimatum gesetzt.

Dass es zu diesen Auseinandersetzungen in und um die Ukraine just
im aktuellen Jahr kommt, in dem an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs
gedacht wird, führt zu Debatten über Parallelen, die nicht nur von
Historikern geführt werden. Zudem jährt sich heuer der Fall des
Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer zum 25. Mal.

Gedenktage und -veranstaltungen bieten die Gelegenheit
innezuhalten. Es ist ein wichtiger symbolischer Akt, dass die Staats-
und Regierungschefs der 28 EU-Staaten ihren Streit über die
Nominierung von Jean-Claude Juncker kurz beiseitegestellt haben, um
in Ypern der mehr als acht Millionen Gefallenen des Ersten Weltkriegs
zu gedenken. Denn, wie der australisch-britische Historiker
Christopher Clark in seinem Buch Die Schlafwandler schrieb, wollte
keiner der damaligen Herrscher dem Krieg aus dem Weg gehen, man
stolperte gleichsam in die Schlacht. Auslöser war überbordender
Nationalismus. Wohin Imperialismus, Militarismus und Nationalismus
führen, sollte denjenigen, die heute für Geschicke von Staaten
Verantwortung tragen, Mahnung sein.

Der Erste Weltkrieg hat nicht nur die Gewichte zwischen den großen
europäischen Akteuren Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich,
Russland und Großbritannien neu verteilt. Er hat in Mittel- und
Osteuropa auch neue Staaten entstehen oder wiedererstehen lassen. Die
Gründung der EU geht zwar unmittelbar auf die Erfahrungen des Zweiten
Weltkriegs zurück, ist aber auch eine der Lehren aus dem ersten
Weltbürgerkrieg. Das vollkommene Fehlen eines europäischen Konzerts
war eine grundlegende Voraussetzung für den Ausbruch, ist der
Historiker Clark überzeugt.

Dass Clark auch den Serben eine Mitschuld zuweist, sorgte für
heftige Reaktionen in dem Land. Es sind aber Wunden des zeitlich
näher liegenden Balkankriegs, die dazu führen, dass die serbischen
Vertreter am Samstag der Gedenkfeier in Sarajevo, bei der der
Ermordung von Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 und den Folgen gedacht
wird, fernbleiben. Diese Konflikte zeigen, dass in Europa
Kriegserfahrungen noch ganz frisch sind.

Dass andere Balkanstaaten nach Slowenien und Kroatien in die EU
streben, zeugt von der Anziehungskraft dieses Projekts. Die EU wird
trotz Defiziten als gemeinsamer Raum von Freiheit, Demokratie, Recht
und Sicherheit wahrgenommen. Das friedliche Zusammenspiel souveräner
Staaten muss aber immer wieder neu erarbeitet und gesichert werden.

Die Ukraine-Krise und die Drohung Russlands nach dem am Freitag
abgeschlossenen Assoziierungsabkommen der EU mit Georgien, Moldau und
der Ukraine zeigen: Der Grat zwischen Frieden und Krieg ist schmal,
die Blockkonfrontation der Zeit des Kalten Krieges kann rasch wieder
aufleben.

Rückfragehinweis:
Der Standard, Tel.: (01) 531 70/445

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veröffentlicht von am 27. Jun 2014. gespeichert unter Medien/Unterhaltung. Sie können den Rückmeldungen dieser Meldung folgen durch RSS 2.0. Sie können eine Rückmeldung oder einen Trackback hinterlassen

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